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Arvo Pärt: Passio Domini Nostri

Arvo Pärt wurde 1935 in dem kleinen Ort Paide in der Nähe der estnischen Hauptstadt Tallinn geboren. Wenige Jahre darauf verloren die baltischen Staaten im Zuge des Zweiten Weltkrieges ihre staatliche Unabhängigkeit und wurden der damaligen Sowjetunion eingegliedert. Dadurch wurde der bis dahin rege kulturelle Austausch mit den mitteleuropäischen Ländern abrupt beendet. Die avantgardistischen Kompositionsmittel des Westens etwa waren in der Sowjetunion verpönt und wurden als „westlich dekadent“ verunglimpft. Andererseits konnte sich hinter dem „eisernen Vorhang“ eine eigenständige baltische Kultur entwickeln. Erst seit etwa 20 Jahren macht diese Kultur auch im Westen auf sich aufmerksam. Dabei kommt Arvo Pärt und seiner Musik eine Schlüsselrolle zu. Ab 1954 erhielt er Unterricht an der Musikschule in Tallinn, unterbrochen vom Militärdienst, den Pärt in einer Militärkapelle ableistete. 1957 wechselte er an das Konservatorium, wo er Komposition bei Heino Eller studierte. In dieser Zeit schrieb er oft Musik für Theater und Film. So war er 1963, als er sein Studium beendete, bereits ein erfahrener Komponist. Ein Jahr vor Beendigung des Studiums gewann Pärt mit der Kinderkantate „Unser Garten“ und einem Oratorium den ersten Preis im All-Unions-Wettbewerb junger Komponisten.

Von Beginn seines Studiums bis 1967 arbeitete Pärt als Tonmeister beim Estnischen Rundfunk. Sind die Werke der ersten Jahre einer gemäßigten Avantgarde zuzuordnen, experimentierte er bald mit trotz aller staatlichen Reglementierung durchgedrungenen westlichen Techniken. So stellt sein Orchesterwerk „Nekrolog“ von 1960, gewidmet den Opfern faschistischer Gewaltherrschaft, das erste seriell komponierte Stück in der Musikgeschichte Estlands dar – was Pärt sofort schärfste Kritik der sowjetischen Zensur einbrachte. Dennoch folgten mehrere weitere Zwölfton-Kompositionen. Diese Ausdrucksmittel empfand Pärt jedoch bald als nicht mehr ausreichend, und so vollzog er, fast zeitgleich mit seinem russischen Komponistenkollegen Alfred Schnittke, in den sechziger Jahren die Abkehr von der seriellen Musik.

Es folgte eine intensive Auseinandersetzung mit den Techniken der Collage, des Zitats und der Stilkopie. Pärts bekanntestes Werk aus dieser Zeit, die „Collage über B-A-C-H“ (1964), vereint barocke Elemente mit neuen, modernen Ideen. Höhepunkt und Schlusspunkt dieser Schaffensphase bildet „Credo“ von 1968 für Klavier, gemischten Chor und Orchester. Auf der Basis des ersten Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier von Bach entwickelt Pärt sein religiöses Bekenntnis. Der Bachschen Klangwelt stellt Pärt massive Klangeruptionen auf Zwölfton- und aleatorischer Basis als Sinnbild des Chaos gegenüber. Die Aufführungen in Estland wurden ein triumphaler Erfolg für den Komponisten.

In den folgenden Jahren zog Pärt sich vom Konzertleben zurück, um seine Kompositionstechniken neu zu überdenken. Er trat der russisch-orthodoxen Kirche bei und studierte die Musik des Mittelalters und der Renaissance. Erst 1976 erreichte er dadurch nach mehreren Anläufen den entscheidenden Durchbruch, der seine Musik bis heute prägt: „Der Gregorianische Gesang hat mir gezeigt, dass hinter der Kunst, zwei, drei Noten zu kombinieren, ein kosmisches Geheimnis verborgen liegt.“ Diesen „neuen, alten Stil“, diese „Flucht in die freiwillige Armut“, bei der horizontale melodische Linien mit vertikalen Dreiklängen verknüpft werden (ein Symbol des Kreuzes), bezeichnete Pärt als „Tintinnabuli“-Technik (tintinnabulum = Glöckchen) – ein glockenhaft tönender Dreiklang bildet den Tonvorrat für einfachste Melodieführungen. Die Entwicklung dieser neuen Klangphilosophie setzte einen Schaffensschub in Gang, in dessen Verlauf bereits 1977 so populäre Kompositionen wie „Fratres“, „Cantus In Memoriam Benja- min Britten“ und „Tabula Rasa“ entstanden.

Zunehmende Probleme mit dem Sowjetstaat Ende der siebziger Jahre bewogen Pärt, mit seiner Frau und den beiden Söhnen 1980 seine Heimat zu verlassen. Die Familie gelangte zunächst nach Wien, wo Pärt die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Im darauffolgenden Jahr kam Pärt als Stipen- diat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin, wo er bis heute lebt.

In Pärts neuer Heimat entstand 1982 seine „Passio Domini Nostri Jesu Christi secundum Joannem“, die Johannes-Passion. Die Musikredaktion des Bayrischen Rundfunks hatte das Werk in Auftrag gegeben, um den Künstler zu unterstützen. Das über einstündige und ohne Pause durchkomponierte Werk, dessen Wurzeln noch in die Zeit vor Pärts Emigration nach Österreich zurückreichen, wurde am 27. November 1982 in München uraufgeführt, erst 1989 veröffentlicht, seitdem aber oft aufgeführt und sogar mehrmals auf Tonträger eingespielt. Damit ist es nicht nur eine der beliebtesten Kompositionen Pärts, sondern wurde neben der Lukas-Passion des Polen Krzysztof Penderecki zu einem der bekanntesten großen Kirchenmusikwerke des 20. Jahrhunderts. Pärts „Passio“ gilt als ein Höhepunkt der Tintinnabuli-Technik. Diese Methode, für die Pärt die Musik der vergangenen tausend Jahre studiert hatte, ermöglichte es dem Komponisten, einen weiten Bogen von den frühesten einstimmigen Vertonungen der Passionsgeschichte in die Gegenwart zu spannen. So findet sich die Idee, die Texte des Evangelisten von vier Gesangssolisten singen zu lassen, bereits im 16. Jahrhundert, und auch die Umrahmung des Werkes mit Überschrift (exordium) und Nachwort (conclusio) ist typisch für die alte Zeit. Getreu dem Credo der Tintinnabuli-Technik stehen nicht die dramatischen Aspekte der Handlung, sondern eher die meditativen im Fokus. Gregorianik, aber auch Polyphonie der Renaissance und russisch-orthodoxe Hymnik verbinden sich zu archaischen Klangwelten und erzeugen eine geradezu suggestive Kraft, die den Hörer unweigerlich in ihren Bann zieht.