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Schostakowitsch: Symphonie Nr. 4
Dmitri Schostakowitsch musste sich Zeit seines Lebens mit einer totalitären Staatsführung auseinandersetzen. Besonders schwierig war die Situation zur Zeit der Entstehung der vierten Symphonie um die Jahreswende 1935/36. Zu dieser Zeit war er als Komponist in der Heimat durchaus erfolgreich. Dennoch veranlasste Stalin, dass Schostakowitsch im Zuge der ersten großen „Säuberungswelle“ öffentlich gemaßregelt wurde. In dem berüchtigten Prawda-Artikel „Chaos statt Musik“ vom 28. Januar 1936 wurden dem Komponisten am Beispiel seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ disharmonische, chaotische Töne, Geschrei statt Gesang, Kakophonie und rhythmischer Wahn vorgeworfen. Die Musik sei kleinbürgerlich und formalistisch.

Diese Vorwürfe trafen ebenso auf die vierte Symphonie zu, die so gar nicht dem Ideal eines von der Partei geforderten Sozialistischen Realismus, der auch den breiten Schichten der Bevölkerung verständlich sein sollte, entsprechen will. Das Werk ist vielmehr Ausdruck eines exzentrischen, rücksichtslosen Komponierens. Schon die Länge der einzelnen Sätze und das Instrumentenaufgebot sind geradezu gigantisch. Der erste Satz beginnt radikal; er stellt mit großer Geste einen Marsch vor, der ins Groteske verzerrt ist. Im weiteren Verlauf finden sich jähe Kontraste und monumentale Klangballungen. Der zweite Satz, ein Scherzo, ist dagegen von Mahlerscher Ironie und aufgesetzter Heiterkeit geprägt. Der letzte Satz beginnt mit einem Trauermarsch, auf den eine Ansammlung humoristischer Abschnitte folgt. Er klingt aus mit der Wiederaufnahme des Trauermarsches, der die Symphonie mit tragischem Ton im Nichts verklingen lässt.

Ende Mai 1936 war das Werk vollendet. Noch für den Herbst war die Uraufführung geplant. Nach dem Prawda-Artikel vom 28. Januar 1936 bedeutete dies jedoch ein Risiko, und die Leningrader Philharmonie setzte die Uraufführung auf Druck der Staatsmacht ab. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges ging die Partitur verloren, konnte aber später aus den Orchesterstimmen rekonstruiert werden. Einer Aufführung stand jetzt jedoch der Komponist selbst im Wege, der das Werk 1955 als „völlig misslungen“ einstufte. Erst als der Dirigent Kyrill Kondraschin sich für die Uraufführung einsetzte, war Schostakowitsch einverstanden, und so konnte das monumentale Werk am 30. Dezember 1961 mit überwältigendem Erfolg in Moskau erstmalig gespielt werden.

Dmitri Dmitriewitsch Schostakowitsch

*  25. September 1906 in St. Petersburg
 9. August 1975 in Moskau

Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 43

Entstehung 13. September 1935 bis 20. Mai 1936 in Leningrad
Uraufführung 30. Dezember 1961 in Moskau, Moskauer Philharmonie, Leitung: Kyrill Kondraschin
Erstdruck Verlag Sowetski Kompositor, Moskau 1962
Spieldauer Ca. 65 Minuten