Konzerte & Karten
Abo
Neues
Orchester
Education
     Tickets +49 (0)40 357 666 66
Das 9. Symphoniekonzert

Ein Text von Olaf Dittmann

Ein wahrlich schönes Bild: Orpheus will sich mit dem Tod seiner geliebten Eurydike nicht abfinden und folgt ihr ins Totenreich. Er nimmt sie an die Hand – und führt sie wieder ans Licht. Und selbst als Eurydike ein zweites Mal stirbt, ist die Liebe der beiden stärker als der Tod. Die Hamburger Symphoniker widmen sich in dieser Saison verstärkt den mitunter vernachlässigten Perlen aus Barock und Klassik. Doch muss man diese frühen Schätze wirklich wieder zum Leben erwecken? Christoph Willibald Glucks klassische Oper „Orfeo ed Euridice“ etwa ist heute noch genauso lebendig wie eh und je.

Wenn wir von Klassik sprechen, was meinen wir dann eigentlich? Ein schillernder Begriff: Mal grenzen wir die Musikrichtung von Pop, Jazz u.a. ab, mal meinen wir damit nur eine bestimmte Epoche der Musikgeschichte, die von etwa 1780 bis 1827 reicht – also nicht ganz zufällig bis zu Beethovens Todesjahr. Doch genauer müsste man hierbei eigentlich von „Wiener Klassik“ oder auch „Hochklassik“ sprechen, die außer von dem gebürtigen Bonner auch von Haydn und Mozart geprägt wurde. Die gesamte Epoche Klassik umfasst nämlich noch einige frühere Jahre mehr, welche man gemeinhin als „Vorklassik“ bezeichnet.

Die vierte Symphonie von Henri-Joseph Rigel (1741-1799) ist ein Musterexemplar dieser Vorklassik. Wir bewegen uns im eng abgesteckten harmonischen Bereich von c-Moll. Im Allegro assai (recht schnell) wird in den ersten acht Takten ein Thema im tänzerischen 3/4-Takt etabliert, das mit seinen lang gehaltenen Grundtönen und Dreiklängen leicht zu durchdringen ist. Das Largo non troppo (breit, aber nicht zu sehr) im 6/8-Takt fließt beständig mit seinen Achtelfiguren dahin – verziert mit ein paar Trillern. Und das „feurig schnelle“ Allegro spiritoso bildet einen recht kräftigen c-Moll-Abschluss dieser Symphonie: Im 4/4-Takt und mit zum Teil auffällig großen Intervallen umreißt Rigel hier einen keineswegs kleinen Tonumfang. Es ist bezeichnend für die noch vergleichsweise überschaubare Musikwelt des 18. Jahrhunderts, aus dem sämtliche Werke des heutigen Abends stammen, dass die Komponisten stark von einander beeinflusst wurden. Rigel, der selber 16 Opern komponierte, konnte gar nicht anders, als in seinen Werken Spuren von Gluck, dem neben Mozart wohl bedeutendsten Opern-Komponisten des 18. Jahrhunderts, aufscheinen zu lassen. Wie Gluck verbrachte der in Wertheim geborene Rigel viele Jahre in Paris.

Christoph Willibald Gluck (1714-1787) war insofern selbst ein mustergültiger Vertreter der (Vor-)Klassik, als dass er die barocke Oper von überflüssigem Ballast befreite. Seine Ideale waren „Einfachheit, Wahrheit und Natürlichkeit“. Dass sein Opernstil lange prägend war, verdeutlicht eine Äußerung E.T.A. Hoffmanns von 1810: „Die Glucksche Oper ist das wahre musikalische Drama, in welchem die Handlung unaufhaltsam von Moment zu Moment fortschreitet.“ 1762 wurde Glucks Oper „Orfeo ed Euridice”, die sich auf nur zwei Hauptpersonen konzentriert, in Wien uraufgeführt und gilt als seine erste „Reformoper“. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Gestaltung der Arien, die im Gegensatz zur barocken opera seria weniger italienisch-üppig als liedhaft und schlicht sind.

Mit seiner „Iphigénie en Tauride”, die 1779 in Paris uraufgeführt wurde, erzielte Gluck seinen größten Erfolg in der französischen Hauptstadt. Diese Oper – nicht zu verwechseln mit seiner fünf Jahre zuvor entstandener „Iphigénie en Aulide“ – gilt als Schlüsselwerk des Komponisten. Ähnlich wie bei „Orfeo ed Euridice” ist es auch hier die Liebe, die vor dem Tod bewahrt. In diesem Falle die Geschwisterliebe: Iphigénies Bruder Orest soll als Fremder im Reich des Skythenkönigs Thoas hingerichtet werden. Doch Iphigénie, die ihren Bruder zwar nicht wiedererkennt, aber seine Gegenwart quasi spürt, will ihn retten. Im letzten Moment erkennen die Geschwister einander – Orest wird gerettet und Thoas erschlagen. In dieser Oper ist die Weiterentwicklung von Glucks 1769 fixierten Reformideen seit „Orfeo ed Euridice” zu hören: Die Musik dient voll und ganz der Dichtung, der Ausdruck von Sängern und Orchester ist überaus stark, weil noch konzentrierter.

Wolfgang Amadeus Mozarts (17561791) Oper „Mitridate, Rè di Ponto” wurde 1770 in Mailand uraufgeführt. Darin stellt der historisch um 100 v. Chr. verbürgte König Mithridates seine beiden Söhne auf die Probe, indem er die Nachricht seines eigenen Todes verbreiten lässt. Beide beginnen sogleich, um die Gunst der jungen Verlobten ihres Vaters zu werben. Und letztlich ist es auch hier die Liebe zwischen einem der Söhne und der Verlobten, die verhindert, dass sich der väterliche Zorn tödlich auslebt. Jean Racine schuf mit seinem gleichnamigen Drama die Vorlage für dieses vergleichsweise wenig bekannte Frühwerk des Salzburgers. Und wie schon bei Gluck befinden wir uns mit der Handlung also wieder weit entfernt von der Gegenwart. Die Rückbesinnung auf „klassische“ Stoffe der griechisch-römischen Antike findet auch hier ihren Ausdruck.

Natürlich war es selbst für einen Jahrhundertkomponisten wie Ludwig van Beethoven (1770-1827) nicht eben leicht, sich mit Haydn und Mozart im Rücken zu profilieren. Erst mit 30 Jahren legte er seine erste Symphonie vor. Und im Gegensatz zu Rigel, Gluck und Mozart tat er sich kaum als Opernkomponist hervor. Dennoch gelang es ihm mustergültig, die Wiener Klassik kongenial zu vollenden. Schließlich hatte Graf Waldstein schon früh prophezeit, Beethoven werde „Mozarts Geist aus Haydns Händen erhalten“. 1799 schuf er seine C-Dur-Symphonie, die 1800 uraufgeführt wurde. Mit einer Adagio-molto-Einleitung beginnt der erste Satz, und im Allgero con brio hören wir kurz darauf das C-Dur-Hauptthema, das auch aus Mozarts Feder stammen könnte. Das Andante cantabile con moto hält eine feine, verträumte Legato-Melodie im Pianissimo bereit, welche einen Sonatensatz einleitet, der dem Haydnschen in nichts nachsteht. Den dritten Satz nennt Beethoven ganz traditionell Menuetto, doch eigentlich befinden wir uns schon auf dem Weg zu dem für ihn typischen Scherzo. Ein Trio unterbricht mit seiner eher schlichten Gestaltung die starken Kontraste dieses dritten Satzes. Und das Finale, das wieder deutlich die Vorbilder Haydn und Mozart erkennen lässt, ist schließlich trotz seiner Kürze so lustig und voller Lebensfreude, dass man Beethovens Stolz über seinen symphonischen Erstling heraus zu hören meint.

Bemerkenswert ist, dass sich in den Jahrzehnten um 1800 nicht nur die Wiener, sondern auch die Weimarer Klassik (in der Literatur) ausbildete. Und wenn man die dortigen Protagonisten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller vor dem feingeistigen Auge neben Haydn, Mozart und Beethoven stellt, wird deutlich, was das Adjektiv „klassisch“ im Innersten bedeutet: In Anlehnung an das lateinische „classicus“ (ersten Ranges, mustergültig) haben wir es mit musikalischen und literarischen Werken zu tun, die gewissermaßen zeitlos gültig sind. Sie zeugen von einer Vollendung des jeweiligen Kunstideals, sind in sich geschlossen und formal äußerst ausgewogen. Inhaltlich haben sie eine klare Aussage, die universell für die gesamte Menschheit gültig ist. Einerseits nehmen sie Bezug auf die großen Errungenschaften vergangener Zeiten, etwa der Antike. Und andererseits dienen sie künftigen Generationen als Vorbild. Mit den üppigen, teils verworrenen, überbordenden Formen des Barock will die Klassik nichts zu tun haben. Sie will Allgemeingültiges mit einfachen und vollendeten Mitteln erzählen.

Für die Musik, so zeigt dieser Konzertabend, kann man sagen: Es hat geklappt. Die Wiener Klassik hat zeitlos begeisternde Formen geschaffen – etwa den Sonatenhauptsatz, die harmonischen Strukturen oder die typischen achttaktigen Perioden –, auf die sich nachfolgende Komponisten beziehen mussten. Etwa, indem sie ganz bewusst mit diesen Formen brachen.

Beethovens 1. Symphonie erleben Sie in diesem Konzert

Sonntag, 31. Mai 2015
9. Symphoniekonzert     19.00     Laeiszhalle, Großer Saal
Rinaldo Alessandrini, Dirigent
Miah Persson, Sopran
Rigel
Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 12/4
Gluck
Ouvertüre und Arien aus „Orfeo ed Euridice“
Arien aus „Iphigénie en Tauride“
Mozart
Ouvertüre und Arien aus „Mitridate“
Beethoven
Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21