

Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, dessen vierten und letzten Teil die „Götterdämmerung“ bildet, ist zweifelsohne eines der größten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte. Mit ihm setzte Wagner neue Maßstäbe auf allen Gebieten: inhaltlich durch Rückgriff auf vorzeitliche Sagen und Mythen, dichterisch durch die konsequente Verwendung des Stabreims, und musikalisch durch die Aufgabe der herkömmlichen Nummernoper mit Rezitativen, Arien, Ensembles und Chören. Dadurch ist Wagners Musik – etwa im Unterschied zu der seines Altersgenossen Giuseppe Verdi – geradezu prädestiniert für eine Aufführung im Konzertsaal. Das dichte Geflecht von Leitmotiven ergibt eine gleichsam symphonische Konstruktion des musikalischen Ablaufs, in den sich die Gesangsstimmen als ein Element unter vielen harmonisch einfügen.
Aus diesem symphonischen Ablauf hat der erfahrene Wagner-Interpret Jeffrey Tate vier markante Situationen ausgewählt. Zunächst erleben wir den Sonnenaufgang zu Beginn des ersten Aktes, als Siegfried Brünnhildes Felsen verlässt, um in der Welt Abenteuer eines jungen Helden zu bestehen. Das zunächst nur zart angedeutete Siegfried-Motiv wechselt sich mit dem der Brünnhilde ab. Danach sehen wir Siegfried den Rhein hinunterfahren. Weit schallt sein markanter Horn-Ruf. Die Fahrt endet am Hofe der Gibichungen, wo das Unheil mit einer Intrige Hagens seinen Lauf nimmt. Hagen ist es schließlich auch, der Siegfried hinterrücks ermordet. Zu den Klängen des berühmten Trauermarsches tragen die Mannen Siegfrieds Leichnam an das Ufer des Rheins, wo Brünnhilde einen Scheiterhaufen errichten lässt. In ihrem gewaltigen Schlussmonolog erkennt sie, dass Siegfried zwar Betrüger, zugleich aber auch Betrogener war („der Reinste war er, der mich verriet!“) und vergibt ihm. Sie reitet auf ihrem Ross Grane ins Feuer und gibt den einst von Hagens Vater Alberich geraubten, fluchbeladenen Ring den Rheintöchtern zurück: „Das Feuer, das mich verbrennt, rein‘ge vom Fluche den Ring!“ Gleichzeitig schickt sie den Feuergott Loge nach Walhall: „Denn der Götter Ende dämmert nun auf. So werf‘ ich den Brand in Walhalls prangende Burg.“ Brünnhilde ist exemplarisch für die starken Frauengestalten in Wagners Opern, die durch ihr Opfer den durch Größenwahn und Machtgier in unauflösbare Konflikte verstrickten Männern zur Erlösung verhelfen. [Dr. Wolfgang Doebel]
Richard Wagner
* 22. Mai 1813 in Leipzig
† 13. Februar 1883 in Venedig
Auszüge aus „Götterdämmerung“
Entstehung 1848 bis 1852 (Dichtung), 2. Oktober 1869 bis 21. November 1874 (Komposition)
Widmung König Ludwig II. von Bayern gewidmet
Uraufführung 17. August 1876, Bayreuth (Festspielhaus), Leitung: Hans Richter
Erstdruck Verlag Schott, Mainz 1876
Spieldauer Ca. 40 Minuten