Presse
Impressum
kontakt
Jobs
Freunde
Facebook
Groupon
 
Neues
Konzerte
Orchester
Abo
Musikvermittlung
Archiv
Schubert: „Winterreise“ op. 89/D 911

Gedichte Wilhelm Müllers (1794-1827) hatte Franz Schubert schon im Zyklus „Die schöne Müllerin“ vertont. Die Texte erscheinen als typisch romantische Lyrik, weil sie formal relativ einfach angelegt sind und dem Empfinden des lyrischen Sprechers natürliche Phänomene korrelieren. Das Reisebzw. Wander-Motiv zeigt die Gedichte ebenfalls in der literarischen Romantik verwurzelt, wo zahlreiche Figuren (etwa Eichendorffs Taugenichts) auf Wanderschaft sich selbst, ihre Umgebung und ihr Lebensglück finden. Müllers Gedichte, von denen die ersten zunächst in „Urania. Almanach auf das Jahr 1823“ erschienen, bevor alle in den „Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Lieder des Lebens und der Liebe“ publiziert wurden, sind deutlich von der Lyrik Ludwig Uhlands inspiriert. Aber trotz der Fiktion, es handle sich um die authentischen Lieder eines wandernden Musikers, steckt in den Texten mehr als das Narrativ des unglücklich Liebenden, der durch die winterliche Natur wandert und um die verlorene Geliebte trauert. Immerhin war die „Urania“ in Wien eine verbotene Zeitschrift, die sich Schubert illegal besorgt hat. Einige Formulierungen in den Texten, die für uns heute relativ harmlos klingen, verstießen Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die Konventionen dessen, was als sagbar galt. „Die Liebe liebt das Wandern / Gott hat sie so gemacht“ aus dem ersten Lied „Gute Nacht“ wurde ebenso als blasphemisch empfunden wie „Will kein Gott auf Erden sein / Sind wir selber Götter!“ aus „Muth!“. Im Kontext der Metternich’schen Restauration und immer unter dem strengen Blick der Zensur lassen sich einige Wendungen der Texte außerdem durchaus als chiffrierte politisch-soziale Kommentare verstehen. Die wütende Distanz, die das Sprecher-Ich zwischen sich und der Gesellschaft aufmacht, zeigt eine deutliche Ablehnung des konventionellen bürgerlichen Lebens.

Schuberts Vertonung erfolgte in zwei „Abtheilungen“, die seiner Begegnung mit den Texten entsprach, außerdem stellte der Komponist die Reihenfolge der Gedichte an einigen Stellen um. Trotzdem – oder gerade deswegen – handelt es sich bei der „Winterreise“ um mehr als eine Folge von Liedern, sondern ganz eindeutig um einen geschlossenen Zyklus. Das liegt zum einen tatsächlich an der Geschichte, die zwar nicht erzählt, aber von den einzelnen Gedichten repräsentiert wird. Zum anderen erzeugen aber auch die lyrischen und musikalischen Darstellungsweisen Verbundenheit, indem sie Zusammenhänge und Entwicklungen zeigen. So wird am Anfang immer wieder der Kontrast von glücklicher Vergangenheit und trauriger Gegenwart inszeniert („Der Lindenbaum“), während später die Zielund Ausweglosigkeit des Ichs gezeigt wird („Der Wegweiser“). Die Natur erscheint zunächst als Spiegel der Empfindungen („Auf dem Flusse“), wird aber später zu einem Zeichen, das nicht mehr gedeutet werden kann bzw. auf nichts mehr verweist („Letzte Hoffnung“). Dem werden auch kulturelle Phänomene angeglichen, so etwa wenn die an sich schon verzweifelte Metapher des Totenackers als Wirtshaus noch fataler geschildert wird, weil selbst dort kein Platz mehr ist, mithin also selbst die Totenruhe nicht mehr als Ziel fungieren kann („Das Wirtshaus“). Dann ist der Leiermann am Ende nicht mehr als Figuration des Todes zu verstehen, sondern tatsächlich als „wunderlicher Alter“, der die immer gleiche „Leier dreht“.

Die Musik erzeugt dabei emotionale Tiefe, indem Harmonik, Rhythmik und Melodik stets aufeinander bezogen sind und in ihrer Relation funktionieren. So evozieren zum Beispiel bekannte rhythmische Muster Stimmungen, die einzelne Lieder prägen, etwa der schleppende Schritt der Sarabande oder der Trauermarsch in „Wasserflut“, „Irrlicht“ und „Die Nebensonnen“, wobei Dissonanzen besondere Akzente auf bestimmte Worte legen und Durund Moll-Bereiche jeweils eigene Sphären (etwa Vergangenheit und Gegenwart) markieren. Besonders deutlich wird die Bedeutung der Musik beim „Leiermann“, wo die stetig wiederkehrende Wiederholungsfigur sowohl die Leier hörbar macht als auch die Ausweglosigkeit des Ichs und damit die Kreisbewegung des ganzen Zyklus’ darstellt. Daran wird erkennbar, wie wichtig die Relation zwischen Singstimme und Begleitung ist – der Instrumentalsatz stellt an keiner Stelle nur eine Untermalung dar, sondern trägt immer Bedeutung. Dabei kann er sowohl kommentieren als auch eigene Akzente setzen, etwa wenn über musikalische Figuren Verbindungen zwischen Liedern hörbar werden, die nur auf Grund der Wortwahl kaum auffielen.

Die Relation von Wort und Musik, von Rhythmus, Harmonik und Melodie sowie von Stimme und Instrument(en) entfaltet ihre volle Bedeutung erst im Kontext des ganzen Zyklus. Dabei ist natürlich jedes Lied zunächst als Ganzes zu betrachten, bevor es in seiner Position und Funktion im Zyklus weitere Bedeutungsaspekte gewinnt. Die Bezüge zwischen den einzelnen Elementen und diejenigen zwischen den Liedern machen aus den einzelnen Szenen tatsächlich eine Art Drama. Franz Liszt hat deswegen Schubert als „dramatischen Lyriker“ bezeichnen können, der „Gefühle in begrenzte, aber scharf ausgeprägte Konturen“ darzustellen und „lyrische Inspirationen im höchsten Grade zu dramatisieren“ vermochte.

Die Instrumentation von Werner Renz steigert diese Klangwirkung noch, indem sie im Unterschied zu anderen Bearbeitungen der „Winterreise“ ganz nah an Schuberts Notensatz bleibt. Das Zusammenspiel der zehn Instrumente bzw. ihr jeweiliger Einsatz erzeugt noch größere emotionale Tiefe und schafft eine Durchdringung des Zyklus’. Die Klangfarben der Streicher und Bläser werden akzentuiert eingesetzt und in ihrer Gegenüberstellung und Verbindung machen sie die Effekte der Musik, die Schubert angelegt hat, noch stärker hörund spürbar. Atmosphärische Nuancen treten deutlicher konturiert hervor und Differenzierungen werden deutlicher ausgearbeitet, so dass man sich der Emotionalität der Musik kaum mehr entziehen kann und gleichzeitig ihre Struktur klar erkennt.

Franz Schubert (1797–1828) – Winterreise Op. 89/D 911

Ein Cyclus von Liedern von Wilhelm Müller.

Entstanden: Februar (Lied I – XII) bzw. Oktober (Lied XIII –XXIV) 1827
Publiziert: Januar bzw. Dezember 1828 bei Tobias Haslinger in Wien

Für Bläserquintett und Streichquintett gesetzt von Werner Renz.

Nr. 1 Gute Nacht
Nr. 2 Die Wetterfahne
Nr. 3 Gefror’ne Thränen
Nr. 4 Erstarrung
Nr. 5 Der Lindenbaum
Nr. 6 Wasserfluth
Nr. 7 Auf Dem Flusse
Nr. 8 Rückblick
Nr. 9 Irrlicht
Nr. 10 Rast
Nr. 11 Frühlingstraum
Nr. 12 Einsamkeit
Nr. 13 Die Post
Nr. 14 Der Greise Kopf
Nr. 15 Die Krähe
Nr. 16 Letzte Hoffnung
Nr. 17 Im Dorfe
Nr. 18 Der Stürmische Morgen Nr.19 Täuschung
Nr. 20 Der Wegweiser
Nr. 21 Das Wirtshaus
Nr. 22 Muth!
Nr. 23 Die Nebensonnen
Nr. 24 Der Leiermann