

Ludwig Tieck hat die Geschichte 1797 zum ersten Mal unter einem Pseudonym in seiner Sammlung von „Volksmährchen“ publiziert und sie später überarbeitet, um sie in der berühmt gewordenen Sammlung „Phantasus“ erneut zu veröffentlichen. Er griff auf einen Stoff zurück, der erst in der französischen Literatur gestaltet und dann im 16. Jahrhundert von Veit Warbeck ins Frühneuhochdeutsche übersetzt worden war. Dessen Volksbuch von der schönen Magelone war so beliebt, dass es oft nachgedichtet wurde.
Die Schriftsteller der Romantik griffen gern und oft mittelalterliche Stoffe auf und gestalteten Geschichten neu, die in alter deutscher Sprache tradiert worden sind. Ludwig Tieck, der als junger Autor den Kreis der Jenaer Frühromantik um sich scharte, ist dabei keine Ausnahme. Seine Version des alten Stoffes ist dabei typisch romantisch. Die ursprüngliche Magelone wird zur Pilgerin, stiftet eine Kirche und ein Spital und gleicht einer Heiligen. Tiecks Figuren hingegen sind durch und durch Liebende, die zwar am königlichen Hof leben und ritterliche Taten begehen, die aber ganz romantisch fühlen.
Peter, Sohn des Grafen der Provence, erkennt nach dem Lied eines fahrenden Sängers, dass er Ritter sein und auf Abenteuerfahrt gehen will. Er gelangt an den Hof des Königs von Neapel, besteht siegreich und unerkannt mehrere Turniere und verliebt sich in Magelone, die schöne Prinzessin. Auch sie findet Gefallen an dem Unbekannten und mit Hilfe ihrer Amme treffen sich die beiden. Unsterblich verliebt fliehen sie, weil Magelone mit einem berühmten Ritter vermählt werden soll und Peter ihr ankündigt, er müsse fortziehen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu Peters Eltern, doch während Magelone erschöpft von der Flucht im Wald schläft, stiehlt ein Rabe die drei Ringe, die Peter ihr als Liebeszeichen geschenkt hatte. Peter verfolgt das Tier und wird schließlich auf einem Kahn hinaus aufs stürmische Meer getrieben. Magelone verzweifelt, als sie allein erwacht und Peter nicht finden kann. Sie kehrt nicht an den Hof ihres Vaters zurück, sondern lebt still und bescheiden bei einem Schäferpaar, das ab und an auch Schiffbrüchige pflegt. Peter wird von Seeleuten aufgegriffen und an den Hof des Sultans gebracht, wo er als Gärtner arbeitet. Sulima, die Tochter des Sultans, verliebt sich in den schönen Jüngling und will mit ihm gemeinsam fliehen. Doch Peter erinnert sich seiner Liebe zu Magelone und flieht allein, während ihm Sulimas Lied nachklingt. Er wird von französischen Seeleuten aufgegriffen und gelangt schließlich zu dem Schäfer, wo er genesen soll. Magelone erkennt ihn und gibt sich ihm zu erkennen, das glücklich vereinte Paar baut auf der Schäferwiese einen Sommerpalast und besingt gemeinsam treue Liebe, die lange dauert.
In jedem Abschnitt der Erzählung singt eine Figur; meist ist es Peter, der mit seinen Versen die eigene Situation im Lied ästhetisch reflektiert. Dabei offenbaren die Gedichte den Figuren – und dem Leser – ihre Gefühle und Wünsche, die ihnen vorher kaum bewusst waren. Dadurch gehören die Lieder natürlich zur Geschichte, sie spiegeln sie aber auch auf einer höheren Ebene wider – ein typisch romantisches Verfahren. Das scheint auch Johannes Brahms erkannt zu haben: Er vertonte sie als kleine Szenen, die sowohl durch Rhythmik und Harmonik als auch in ihrer Gefühlsintensität den Gedichten Tiecks einen dramatischen Charakter verleihen.
Schon das erste Lied, das in Peter den Wunsch weckt, Ritter zu werden, macht diesen Wunsch hörbar: der Klavierpart gestaltet ein galoppierendes Pferd, das nicht nur Peters Abreise, sondern die ritterliche Lebensweise an sich darstellt. So werden auch Peters Ahnungen, wenn er sich von seinem Saitenspiel verabschiedet, um mit Magelone zu fliehen, in Musik gefasst und über die verschiedenen Abschnitte der Romanze sinnlich erkenntlich. Das Schlafund Liebeslied Peters lässt sowohl Magelone einschlafen als es auch Peters erotisches Verlangen nach der Geliebten hörbar macht. Und während Sulimas Lied so einfach gestaltet ist, dass es zeigt, warum Peter ihr Magelone vorzieht, schließt das letzte Lied „Treue Liebe dauert lange“ mit einer melodischen Wendung aus dem allerersten Lied.
Diese szenische Qualität der Musik verlangt von den Interpreten großes Können, der Klavierpart zu den Fünfzehn Romanzen gilt als einer der anspruchsvollsten für Liedbegleiter überhaupt. Aber die volle Bedeutung dieser Musik wird nur dann klar erkennbar, wenn sie mit der Erzählung erklingt. Tiecks romantische Sprache und Brahms wunderbare Musik gehen nicht nur in den Romanzen selbst zu einer Einheit zusammen. Die Geschichte lässt die Lieder zu romantischen Szenen werden und die Lieder machen die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes hörbar.