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Vaughan Williams: „The Wasps“

Wespen sind unbeliebte Insekten. Im Sommer und Herbst umschwirren sie die Besucher von Straßencafés und landen auf ihrer Suche nach Nahrung auf Obstkuchen und oft genug in Getränken. Vertreiben kann man sie kaum, eher kommen weitere Tiere dazu. Das scheint schon in der Antike so gewesen zu sein, denn der attische Dramatiker Aristophanes nahm in seiner Komödie von 422 v. Chr. die Wespen als Metapher für prozesswütige Bürger, die es aus jedem nur möglichen Anlass zu einem Rechtsstreit kommen lassen wollten. Der durchaus reale Hintergrund war die Erhöhung des Entgeltes für die Bürger, die als Richter einen Prozess entschieden. Im antiken Athen und seiner spezifischen Frühform der Demokratie war das Richteramt kein institutionalisierter Beruf, sondern eine der Aufgaben, zu denen die Vollbürger herangezogen wurden. Den Gesetzen der Stadt verpflichtet fällten sie ihr Urteil, nachdem sich die beiden Parteien – also Kläger und Beklagter bzw. deren Vertreter – mit der jeweiligen Darstellung ihrer Position präsentiert hatten. Dafür bekamen die Richter eine Art Aufwandsentschädigung, die unter Kleon um ein Drittel erhöht wurde. In Folge dessen stieg auch die Bereitschaft der Athener, Prozesse zu führen, was wiederum Aristophanes zu seinem Lustspiel angeregt hat. Er setzt sich auf recht satirsche Weise damit auseinander, indem er den Chor aus Laienrichtern eben als Wespen inszeniert und den Griffel, mit dem das Urteil dann aufgeschrieben wird, zum Wespenstachel erklärt.

Ralph Vaughan Williams hat seine Schauspielmusik zur antiken Komödie für eine Aufführung am Trinity College in Cambridge 1909 komponiert. Im Ganzen schrieb er nicht nur Vorspiel und Zwischenaktmusik, wie es der Tradition entsprochen hätte, sondern komponierte einige Szenen der Komödie aus, so dass die gesamte Schauspielmusik fast zwei Stunden dauert. In dieser langen Form wird sie kaum noch aufgeführt, jedoch hat Williams selbst schon eine Suite zusammengestellt, die aus fünf Instrumentalstücken besteht. Eröffnet wird diese von der Ouvertüre, die auch allein ein wunderbares Konzertstück darstellt. Die Wespen werden sofort hörbar – die einsetzenden Instrumente lassen einen Insektenschwarm akustisch fliegen, der durchaus aggressiv um die Ohren der Zuhörer schwirrt. Doch dieser Auftakt wird abgelöst von der schwungvollen Vorstellung dreier Themen, die in den Chören der Komödie wieder auftauchen. Die temperamentvolle Musik macht Laune und sprüht förmlich vor Energie, was sie für ein Neujahrskonzert besonders prädestiniert. Maestro Tate war es darüber hinaus ein besonders Anliegen, mit einem englischen Musikstück in das neue Jahr mit seinem Orchester und seinem Publikum zu starten. Und so modern, mit so viel Freude am Musizieren und mit solcher Begeisterung an instrumentalen Effekten wie Williams die antike Komödie auskomponiert hat, ohne dabei ein antikes oder erhabenes Klangbild zu erstellen, so lebendig ist die Musikstadt Hamburg.

 

Ralph Vaughan Williams

* 12. Oktober 1872 in Down Ampney (Gloucestershire)
26. August 1958 in London