

Wenn man die zweite Symphonie von Johannes Brahms mit dem Violinkonzert von Beethoven vergleicht, fallen sofort zahlreiche Gemeinsamkeiten ins Auge: Beide Werke verwenden die helle Tonart D-Dur, besonders die Kopfsätze sind von einem lyrischen Charakter geprägt, und sogar die Themen zeigen eine enge Verwandtschaft. Dabei brauchte Brahms lange, sich von dem übermächtigen Vorbild Beethovens zu lösen. Noch Anfang der 1870er Jahre sagte er zu dem Dirigenten Hermann Levi: „Ich werde nie eine Symphonie komponieren! Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen (Beethoven) hinter sich marschieren hört.“
So war denn auch der Weg zu Brahms’ erster Symphonie lang und steinig. Doch nur ein halbes Jahr nach deren Uraufführung am 4. November 1876, als Brahms noch mit dem vierhändigen Klavierauszug der Symphonie beschäftigt war, arbeitete er bereits an seiner zweiten Symphonie, die im Sommer und Herbst 1877 in Pörtschach am Wörthersee bzw. in Wien entstand. Nach dem ernsten, zerrissenen Charakter der Ersten, der sich erst im Finale aufhellt, sollte das neue Werk „heiter und lieblich“ werden, so Brahms in einem Brief an Eduard Hanslick. Schon der Beginn des ersten Satzes in der pastoralen Tonart D-Dur bestätigt diese Ankündigung. Tiefe Streicher und warme Bläserklänge schaffen eine wohlige Ausgeglichenheit. Auch die weiteren Themen sind eher liedhaft-innig als dramatisch, wobei Brahms ihre Substanz von einem gemeinsamen Kernmotiv ableitet, das ebenso die Grundlage für die Themen des dritten und vierten Satzes bildet. Erst allmählich findet die Musik zu energischen wie auch elegischen Tönen. Die beiden Mittelsätze gestaltete Brahms nach Schumanns Vorbild als Intermezzi zwischen den beiden Ecksätzen. Das Adagio non troppo stellt der getragenen Melodie der Celli zu Beginn ein energisches Fugato gegenüber, das an Dramatik der Durchführung des Kopfsatzes entspricht. Das Allegretto grazioso bereitet in seinen Presto-Abschnitten bereits das Finale vor, das zu einer bei Brahms selten anzutreffenden Ausgelassenheit fähig ist. Die Wiener Uraufführung unter Leitung von Hans Richter am 30. Dezember 1877 wurde zu einem grandiosen Erfolg für Brahms. Der begeisterte Komponist schrieb: „Das Orchester hier hat mit einer Wollust geübt und gespielt und mich gelobt, wie es mir noch nicht passiert ist.“
Johannes Brahms
* 7. Mai 1833 in Hamburg
† 13. April 1897 in Wien
Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73
Entstehung Sommer 1877 in Pörtschach am Wörthersee bis Herbst 1877 in Wien
Uraufführung 30. Dezember 1877, Wien, Musikvereinssaal, Wiener Philharmoniker, Leitung: Hans Richter
Erstdruck Verlag N. Simrock, Berlin 1878
Spieldauer Ca. 38 Minuten