

Viele Komponisten, die in jungen Jahren als revolutionäre Neutöner von sich Reden machten, fanden in höherem Alter zu einer gemäßigten, mitunter abgeklärten Tonsprache voll Melodik und Klangschönheit. Gilt dies etwa für Bartóks „Konzert für Orchester“, trifft es ebenso auf die siebente und letzte Symphonie von Sergej Prokofjew zu.
Als Prokofjew in den dreißiger Jahren nach fünfzehnjährigem Exil wieder in die Sowjetunion zurückkehrte, wurde er sogleich von der stalinistischen Kulturpolitik vereinnahmt. Die Werke, die er nun im Stil des einzig geduldeten „sozialistischen Realismus“ komponierte, zeigen ihn nicht mehr als den Provokateur, als der er in seinen jungen Jahren Publikum und Kritik verschreckt hatte. Vielmehr fand er zu einem gefälligeren Stil mit warmer Melodik. Dafür steht neben „Peter und der Wolf“ (1936) und „Romeo und Julia“ (1935/36) auch die Filmmusik zu „Leutnant Kishé“, komponiert 1933. Zum ersten Mal schrieb Prokofjew für ein Massenpublikum. Zu der instrumentalen Durchsichtigkeit und harmonischen Einfachheit dieser Zeit – die nicht mit Simplizität verwechselt werden darf – kehrte der Komponist kurz vor seinem Tode zurück. Dabei läßt die siebente Symphonie noch einmal sehr unterschiedliche, für Prokofjews Musik prägende Charaktere anklingen. So ist der erste Satz in der für eine Symphonie ungewöhnlichen Tonart cis-Moll größtenteils von tiefer Wehmut getragen. Ähnlich wie bei Schostakowitsch meint man, das Elend des russischen Volkes in dieser Zeit herauszuhören. Das folgende Allegretto beginnt wie eine Persiflage auf einen Wiener Walzer oder eine Erinnerung an Prokofjews eigene Ballettmusiken. Zugleich wirkt es wie eine Verbeugung vor der Musik Peter Tschaikowskys. Das Andante espressivo knüpft an die große russische romantische Tradition eines Nikolaj Rimskij-Korsakow und dessen virtuose Instrumentationskunst an. Das Finale bezieht sich dagegen auf Prokofjews frühe Werke und die frechen, ausgelassenen, mitunter von Ironie mehr als nur angehauchten Sätze aus „Romeo und Julia“ oder manchem Klavierkonzert. Hier erinnern nicht nur die marschartigen Passagen an das Klavierkonzert von Benjamin Britten; und Brittens Konzert wiederum verweist nicht nur in seinem toccatenhaften ersten Satz auf Prokofjew – vielleicht ein Grund dafür, daß das Konzert des Engländers sich bis heute gerade in Rußland großer Beliebtheit erfreut. [Dr. Wolfgang Doebel]
Sergej Prokofieff
* 23. April 1891 auf Gut Sonzowka, Distrikt Jekaterinoslaw in der Ukraine
† 5. März 1953 in Moskau
Symphonie Nr. 7 cis-Moll op. 131
Entstehung 1951 bis Anfang Juli 1952
Uraufführung 11. Oktober 1952 in Moskau, Leitung: S. A. Samoussud
Erstdruck Staatlicher Musikverlag, Moskau 1959
Spieldauer Ca. 34 Minuten