

Der Intendant der Hamburger Symphoniker Daniel Kühnel über die Saison 2012/2013
Verehrtes Publikum, kennen Sie den Spruch, der den Engeln nachsagt, dass sie zwar, wenn sie Gott preisen, Bach, en famille indes Mozart spielten? – Will sagen: Im Himmel ist Musik!
Deshalb eröffnet der Erzengel Raphael den Prolog im Himmel, indem er von der Sonne spricht, die im Wettgesang mit den anderen Gestirnen tönt. Was für ein Schauspiel: der Gang der Welt als klingendes Ereignis, Gottes Schöpfung als perfekte Symphonie.
Und der Teufel? Hat er Musik? Bei Gründgens klimpert und krächzt Mephisto zwar ein wenig; doch die Musik der Sonne im Himmel und der Orgel im Dom ist allein der göttlichen Sphäre vorbehalten. Und den Gottähnlichen, die fähig sind, mit zu genießen.
Jahrhunderte lang war die Frage „wie steht der Mensch vor Gott?“ gleichbedeutend mit „wie ist die Welt?“; keine Frage der religiösen Ausübung, sondern eine existenzielle Grundfrage der Menschheit. Die letzte Antwort bleibt aus und fassen können wir es ohnehin nicht.
Aber im Himmel ist Musik und den Nachhall bekommen wir mit. Dürfen wir davon ausgehen, dass unsere göttlichirdische Musik die Grundfragen der Metaphysik reflektiert? Sind die Fragen „gab es einen Anfang?“, „warum sind wir hier?“, „ist mein Wille frei“ auch musikalische Fragen? Wir glauben, ja.
Und daher bleiben zentrale Ereignisse der Geschichte nie ohne Einfluss auf die Musik, die heute ist. Das theologische Erdbeben vor 500 Jahren, Reformation genannt, welches unser Selbstverständnis hier im Norden Europas so wesentlich mitprägt, beeinflusst unser Verständnis von Musik und unser Hören ebenso wie die Entdeckung der Kernkraft. Musik reflektiert die Welt und kommuniziert uns.
Als Orchester, das aus ganzem Herzen und voller Energie das Orchester aller Menschen in Hamburg sein will, stellen wir uns den wichtigen Fragen unserer Zeit, den Fragen, die uns alle bewegen, sehr bewusst.
Schöne, schönste Musik zu machen, ohne unseren Ort und unsere Zeit zu kennen, wäre reizlos. Das wollen wir nicht sein! Ich glaube, ich hoffe, dass unser Programm der Saison 2012/2013 Sie neugierig machen und inspirieren kann. Die (Wieder)Entdeckungsreise zur Musik ist immer auch eine Entdeckungsreise zu den höheren Sphären und zu sich. Und all das für ein Konzertticket! Eine Fahrt zum Mond, eine Psychotherapie, sogar ein Friseurbesuch sind teurer...
Wir freuen uns sehr auf Sie!
Daniel Kühnel