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Beethoven: „Missa Solemnis“

Ludwig van Beethoven

* 16. Dezember 1770 in Bonn, † 26. März 1827 in Wien

Missa Solemnis D-Dur op. 123 für vier Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel

Entstehung: 1819-1823
Uraufführung: April 1824 in St. Petersburg
Erstdruck: B. Schott Söhne, Paris, 1827
Widmung: Erzherzog Rudolph, Erzbischof von Olmütz
Spieldauer: ca. 80 Minuten

 

Als Joseph Karl Stieler 1820 an dem bekanntesten Porträt Ludwig van Beethovens arbeitete, welches den Komponisten mit einem Arbeitsheft in der Hand zeigt, fragte er sein Modell: Welcher Titel soll auf den Blättern stehen? Die Antwort war eindeutig: »Missa solemnis aus D.« Vielleicht entsprach dies sogar der Realität, denn Beethoven arbeitete in dieser Zeit tatsächlich an der feierlichen Messe. Doch zugleich ist dieser Titel genauso eine Inszenierung wie das Gemälde selbst: Wir sehen einen Komponisten mit nach oben, gleichsam ins eigene Gehirn gerichteten Augen, der jederzeit bereit ist, seine innersten Eingebungen zu Papier zu bringen. Kurz: Wir sehen ein Genie bei der Arbeit, einen höchst individuellen Geist. Dass dieser gerade im Begriff ist, die Messe zu vertonen, zeigt Beethovens künstlerisches Selbstverständnis: Er nimmt sich uralt Überliefertes, das strengen Konventionen gehorcht, macht es sich aber vollkommen zu eigen. Aus dem Glauben der christlichen Gemeinschaft wird mit den Mitteln der Musik das Zeugnis einer zutiefst individuellen Religiosität.

Wie kam es zu diesem »grösten Werk, welches ich bisher geschrieben« (O-Ton Beehoven)? Der Anlass war die für März 1820 geplante Inthronisierung seines Freundes, Schülers und Gönners Erzherzog Rudolph von Habsburg zum Erzbischof von Ölmütz. Man darf Beethovens Wort von Anfang 1819 wohl ernst nehmen: »Der Tag, wo ein Hochamt von mir zu den Feyerlichkeiten Ihro Kaiserliche Hoheit soll aufgeführt werden, wird für mich der schönste meines Lebens seyn, u. Gott wird mich erleuchten, daß meine schwachen Kräfte zur Verherrlichung dieses Feyerlichen Tages beytragen.« Der Hinweis auf die »schwachen Kräfte« war naheliegend. Beethoven litt bekanntlich unter seiner Taubheit, machte sich Sorgen um seinen Neffen Karl und zog sich immer weiter in sein Innenleben zurück. Ins Tagebuch schrieb er: »Gott,Gott, mein Hort, mein Fels, du siehst mein Inneres! O höre, stets Unaussprechlicher, höre mich – deinen unglücklichen, unglücklichsten aller Sterblichen!«

Er machte sich chronologisch an die Arbeit und stellte noch 1819 die ersten zwei Sätze fertig. Doch schnell wurde deutlich, dass die gesamte Messe niemals zur Inthronisierung komplett sein würde. Es dauerte gar bis 1823, bis er auch das Credo, das Sanctus/Benedictus und das abschließende Agnus Dei zu Papier gebracht hatte. Die Uraufführung der Missa solemnis fand erst 1824 in St. Petersburg statt. Und einen Monat später war Beethoven selbst bei einer (Teil-) Aufführung in Wien zugegen – auch wenn er davon nichts mehr hörte. Was war das für ein Werk, das nach all den Jahren, all den zahlreichen Änderungen und umfangreichen theologischen Studien auf den Notenblättern stand? »Wer sich anmaasst, ein so complicirtes Tonwerk nach einmaligem Hören gefasst und verstanden zu haben, mag es wagen, ein Urtheil darüber zu fällen«, meinte ein damaliger Kritiker, der für sich selbst konstatierte, dazu außerstande zu sein.

Vielleicht ist dies eine mögliche Interpretation: Beethoven zeichnet mit den fünf Sätzen die Entwicklung zum individuellen Glauben nach, also den Weg von der Tradition zur künstlerischen Freiheit. Das eröffnende Kyrie ist der wohl klassischste Satz des Werkes. Entsprechend des kurzen Gebetstextes wählt Beethoven eine ABA-Form, die mit einem Choral beginnt und die Gesangssolisten in Szene setzt. Im Mittelteil findet sich dann eine kontrapunktische Stimmführung – Beethoven ist hier recht nah an Bach. Überraschend ist dann der 3/4-Takt des folgenden Gloria. In dieser Lobpreisung fährt der Komponist eine große Bandbreite verschiedener Themen und Stimmungen auf. Wie es bei einem so groß angelegten Werk mit einer so kleinen Textbasis unvermeidlich ist, wird gewissermaßen jede Silbe mit zahllosen Tönen ausgekleidet. Der Effekt: Beethoven setzt weniger auf Textverständlichkeit als auf musikalischen Reichtum. Die Musik emanzipiert sich von ihrer sonst in der Kirche üblichen dienenden Funktion. Nur ein Beispiel: Lediglich auf den Worten »In gloria Dei Patris, Amen« formt er eine breite Fuge aus.

Der dritte Teil trägt seinen individuellen Charakter schon im Namen: Credo, ich glaube. Dieses Mittelstück der Messe ist mit Sicherheit eine der größten Schöpfungen aus der Feder Beethovens – und zugleich eine betont frei und subjektiv gestaltete. Er arbeitet mit eindringlichen Akkordfolgen, modalen Harmonien, groß angelegten Steigerungen und A-cappella-Passagen. Und auch hier wieder eine Fuge, die diesmal dem Chor einiges abverlangt. Im Sancuts-Teil weiß man dann mitunter gar nicht mehr, womit man es zu tun hat. An der Stelle, an der in der Liturgie der Priester Brot und Wein »verwandelt«, die also als Bindeglied zwischen dem Sanctus- und dem Benedictus-Teil fungiert, fügt Beethoven ein Präludium ein. Es scheint beinahe so, als ersetze die Musik die religiöse Handlung. Und dann folgt etwas, das durchaus auch als langsamer Satz eines Violinkonzertes durchgehen könnte: Die Solovioline setzt zu einer zarten Romanze an, die behutsam vom Chor begleitet wird. Wenn das keine romantische Überformung der katholischen Tradition ist! Die Empfindsamkeit des Einzelnen drückt das aus, was traditionell der Ritus zu sagen versuchte. Diese Musik scheint zu vermitteln: Eine Liturgie brauche ich nicht mehr, ich werde auch so verstanden.

Doch dabei bleibt es nicht. Im letzten Satz gelangt Beethoven über das intensive »Erbarme Dich unser« der Männerstimmen sowie über eine Art Kriegsfanfare zum wohltuenden, allumfassenden Frieden, der selbstverständlich für die gesamte Menschheit gilt. Und in der Rückschau wirkt die Missa solemnis in ihrer Ausdehnung (und Besetzung) schließlich doch so gewaltig, dass kein Einzelner sie durchdringen kann. Um sie wirklich zu begreifen, braucht es das gemeinsame Erleben. Diese monumentale Chorsymphonie hat also einen der 9. Symphonie ähnlichen Schluss: Das Menschliche und der Humanismus siegen. Wir hören den in Töne gegossenen Glauben an eine aus der individuellen Religiosität geborene bessere Welt. »Von Herzen – Möge es zu Herzen gehen«, schrieb Beethoven als Motto darüber

Dass dieser Aufbruch in der Eröffnungswoche der Elbphilharmonie erklingt, ist kein Zufall: Ein neuer Konzertsaal bedeutet für die gesamte Musikstadt Hamburg einen Aufbruch. Für das gesamte Hamburger Musikleben, für die Musik dieser Stadt einen großen Beitrag zu leisten, ist erklärtes Ziel der Symphoniker Hamburg, dem Residenzorchester der Laeiszhalle.

Text von Olaf Dittmann