

[...] Sterben wird die schönste der Jungfrauen aus Mahlers Lied „von der Schönheit“ nicht. Doch auch sie erfährt Liebe als Sehnsucht, oder zumindest die momenthafte Attraktion durch ein männliches Gegenüber und den Wunsch, er bliebe in seiner wilden, männlichen Schönheit in ihrer Nähe. Dieser Wunsch ist selbst nicht erfüllbar, da die Mädchen zunächst am Fluss in einer idyllischen Szene beschrieben werden. Sie sitzen dort, haben Blumen in Händen und werden von der Sonne beschienen. Ihre Spiegelbilder glänzen auf der Wasseroberfläche und die ganze Situation könnte nicht nur als Text, sondern auch als Bild auf chinesischem Porzellan gestaltet sein. Doch dann brechen die Jünglinge in die Idylle ein. Sie sind unbeherrscht, laut und wild. Ein Pferd geht durch und stürmt mit dem Reiter durch die Blüten und die Landschaft. Dieser Reiter zieht den „heißen Blick“, das Verlangen der schönsten Jungfrau auf sich. Beide Teile des Bildes, die ruhige Idylle der Mädchen und die ungestüme der Jünglinge erfasst die Musik, ihren stärksten Sog jedoch entwickelt sie, wenn sie die Verstellung der Jungfrau in ihrer äußeren Haltung und deren Sehnsucht spürbar macht. (Text: Dr. des. Elisabeth Boehm)