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Brahms/Schönberg: Klavierquartett
Für gewöhnlich wird Arnold Schönbergs Rolle in der Musikgeschichte als die eines Revolutionärs beschrieben. Tatsächlich hatte Schönberg mit der Entwicklung der Zwölftonmusik kompositorisches Neuland erschlossen. Im Grunde seines Herzens fühlte er sich jedoch der Spätromantik verpflichtet, und manchmal überkam ihn „eine Sehnsucht, zu dem älteren Stil zurückzukehren.“ Diese Sehnsucht äußerte sich auch darin, daß Schönberg einige Werke vergangener Epochen neu instrumentierte. In der Wahl des Brahmsschen Klavierquartetts spiegelt sich die große Bewunderung, die Schönberg dem älteren Kollegen entgegenbrachte. Interessanterweise entstand die Bearbeitung nur vier Jahre nach Schönbergs berühmt gewordenem Aufsatz „Brahms, der Fortschrittliche“, in dem Schönberg das Klischee von „Brahms, dem Konservativen“ eindrucksvoll widerlegte und aufzeigte, was er alles von Brahms gelernt hatte. Zudem ist die Klavierund Kammermusik von Brahms schon vom Komponisten oftmals orchestral angelegt.

Schönberg zeigt hier seine Meisterschaft in der Instrumentation. Zwar verwendet er ein großes spätromantisches Orchester mit Becken, Triangel, Xylophon, Glockenspiel und gestopften Trompeten, die uns bei dem in Instrumentationsfragen zurückhaltend agierenden Brahms selten bis nie begegnen, aber diese Möglichkeiten setzt er sehr subtil ein. Dienen sie im Mittelteil des langsamen Satzes zur Herausarbeitung des marschartigen Charakters, finden sie vollends ihre Berechtigung im Rondo alla Zingarese, wo sie eindrucksvoll das von Brahms intendierte „Zigeuner“-Kolorit unterstreichen.

Bei allem Verantwortungsgefühl und Respekt vor Brahms’ Komposition hat Schönberg natürlich seiner Bearbeitung eine sehr persönliche Note gegeben. Es ging ihm um die Offenlegung der Strukturen des Stückes, was er auch 1939 dem Musikjournalisten Alfred V. Frankenstein vom „San Francisco Chronicle“ gegenüber darlegte: „1. Ich liebe das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist desto lauter spielt, je besser er ist, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht. Meine Absichten: 1. Streng im Stil von Brahms zu bleiben und nicht weiter zu gehen, als er selbst gegangen wäre, wenn er heute noch lebte.“ [Dr. Wolfgang Doebel]

 

Johannes Brahms

* 7. Mai 1833 in Hamburg
3. April 1897 in Wien

Arnold Schönberg

* 13. September 1874 in Wien
13. Juli 1953 in Los Angeles

Klavierquartett Nr. 1 g–Moll op. 25 (Orchesterfassung von Arnold Schönberg)

Entstehung  Herbst 1861 (Brahms) | 2. Mai bis 19. September 1937 (Schönberg)
Besetzung  Großes Orchester mit Becken, Triangel, Xylophon und Glockenspiel (Schönberg)
Widmung  Gewidmet Baron Reinhard von Dalwigk (Brahms)
Uraufführung  16. November 1861, Hamburg, Klavier: Clara Schumann (Brahms) 7. Mai 1938, Los Angeles, Philharmonic Auditorium, Los Angeles Philharmonic Orchestra, Leitung: Otto Klemperer (Schönberg)
Erstdruck  Verlag Simrock, Leipzig 1863 (Brahms) Verlag G. Schirmer, New York 1937 (Schönberg)
Spieldauer  Ca. 40 Minuten