1935 arbeitete Alban Berg intensiv an seiner Oper
Lulu. Wie viele andere Musiker litt auch er unter dem Vorwurf der Nationalsozialisten, seine Musik sei „entartet“. Sie durfte zudem nicht aufgeführt werden, und Berg hatte Schulden machen müssen. Als im Februar 1935 der amerikanische Geiger Louis Krasner bei Berg gegen ein Honorar von 1.500 Dollar ein Violinkonzert bestellte, kam Berg dieser Auftrag gerade recht. Doch erst als am Ostermontag 1935 Manon Gropius, Tochter Alma Mahlers aus ihrer Ehe mit dem Architekten Walter Gropius, neunzehnjährig nach kurzer Krankheit starb, begann Berg mit der Komposition. Er und seine Frau Helene waren schon lange eng mit Gustav Mahlers Witwe befreundet, und Manon wurde im gesamten Freundeskreis als engelgleiches Wesen verehrt. Daher wollte Berg mit seinem Violinkonzert die „Wesenszüge des jungen Mädchens in musikalische Charaktere umzusetzen“ und der trauernden Mutter Trost spenden: „Ich will brieflich nicht versuchen, dort Worte zu finden, wo die Sprache versagt. [...] Aber dennoch: Eines Tages – noch bevor dieses fürchterliche Jahr zu Ende sein wird – mag Dir und Franz [Werfel, Almas dritter Ehemann] aus einer Partitur, die dem Andenken eines Engels gewidmet sein wird, das erklingen, was ich fühle und wofür ich heute keinen Ausdruck finde.“ Berg arbeitete nun mit Hochdruck an der Partitur, um Alma das Werk zu ihrem 56. Geburtstag am 31. August 1935 zu überreichen – eine Vorgabe, die er auch einhielt.
Bergs Violinkonzert gehört heute zum Standardrepertoire eines jeden Geigers. Einer der Gründe dafür mag sein, dass Berg die dem Konzert zugrunde liegende Zwölftonreihe so konstruierte, dass sie auch tonale Akkordfolgen zulässt. Oft klingt seine Musik unseren Ohren daher vertrauter, als wir es von Zwölftonmusik erwarten würden.
Bergs „instrumentales Requiem“ ist durchdrungen von den Erinnerungen an Manon. Im ersten Satz ist es etwa eine Kärntner Volksweise, die das unbekümmert spielende Kind darstellt. Der zweite Satz ist dagegen dem Sterben, der Trauer und dem Trost im Glauben gewidmet. So zitiert Berg im letzten Abschnitt (Adagio) den Choral „Es ist genug“ aus Johann Sebastian Bachs Kantate Nr. 60 „O Ewigkeit, du Donnerwort“, der sich ganz natürlich aus dem Verlauf der Musik zu ergeben scheint – als ob das Konzert nur so und nicht anders enden könne. [Dr. Wolfgang Doebel]
Alban Maria Johannes Berg
* 9. Februar 1885 in Wien
† 24. Dezember 1935 in Wien
Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“
Entstehung Ende April bis 11. August 1935
Widmung „Dem Andenken eines Engels“ (Manon Gropius)
Uraufführung 19. April 1936, Barcelona, Musikfest im Palau de la Música Catalana, Violine: Louis Krasner, Leitung: Hermann Scherchen
Erstdruck Universal-Edition, Wien 1936
Spieldauer Ca. 26 Minuten