
Liegt Henzes Schwerpunkt eindeutig auf dem Gebiet des Musiktheaters, hat er auch zahlreiche Werke für den Konzertsaal komponiert. So ziehen sich etwa seine zehn Symphonien wie ein roter Faden durch sein umfangreiches Gesamtschaffen. Die erste Sinfonie entstand 1947, als Henze 21 Jahre alt war und nach einjährigem Militärdienst in der deutschen Wehrmacht bei Wolfgang Fortner in Heidelberg studierte. (Nach der Uraufführung bezeichnete Henze das Werk jedoch als „reinen Fehlschlag“ und arbeitete es 1963 und 1991 grundlegend um.) Da Fortner es ablehnte, seine Studenten mit der damals aktuellen Zwölftontechnik Arnold Schönbergs vertraut zu machen, brachte Henze sie sich im Eigenstudium bei, bevor er sie 1949 bei René Leibowitz in Darmstadt studierte. Mit Leibowitz hatte er einen vehementen Verfechter der musikalischen Avantgarde als Lehrer. Dennoch schaffte Henze es, Individualist zu bleiben. Die ästhetischen Vorgaben der avantgardistischen Komponisten empfand er ohnehin als Einengung seiner Kreativität. Der generellen Ablehnung der Tradition, die sich naturgemäß besonders in der Ablehnung der mit Traditionen geradezu aufgeladenen klassisch-romantischen Symphonie von Beethoven bis Mahler manifestierte, entgegnete er: „Meine Orchesterstücke waren immer als Symphonien oder ihre Vorstufen geplant, verkörpern jedes Mal bestimmte Versuche an der größten mittel–europäischen Form von Instrumentalmusik.“ Zwar experimentierte Henze schon in seinem symphonischen Erstling mit Zwölftontechnik und neuartigen Spielweisen der Orcheste- rinstrumente, diese verband er jedoch mit Prinzipien des Neoklassizismus. So folgt die Symphonie mit ihren drei Sätzen in den Zeitmaßen schnell – langsam – schnell der zum Zeitpunkt der Komposition 200jährigen Tradition der Gattung und ruft mit Bezeichnungen wie „con grazia“ oder „Notturno“ Erinnerungen an längst vergangene Zeiten in uns wach. [Dr. Wolfgang Doebel]
Hans Werner Henze
* 1. Juli 1926 in Gütersloh
Sinfonie Nr. 1 (revidierte Fassung von 1991)
Entstehung 1947 (Neufassung für Kammerorchester 1963, revidiert 1991)
Widmung Gewidmet Wenzel Lüdecke
Uraufführung 25. August 1948, Bad Pyrmont, Leitung: Wolfgang Fortner
Erstdruck Verlag Schott’s Söhne, Mainz 1992
Spieldauer Ca. 17 Minuten