
Tanejew war sehr selbstkritisch. Das erklärt auch die Numerierung seiner Symphonien, von denen er lediglich die letzte zum Druck freigab und als Nummer eins zählte. Diese eigentlich vierte Symphonie war ein großer Erfolg. Nikolai Rimsky-Korsakoff schrieb an Tanejew: „Ich halte Ihre Symphonie für das schönste zeitgenössische Werk. Der Stil ist edel, die Form ist schön und wunderbar die Ausarbeitung aller musikalischer Gedanken.“
Wie alle Werke Tanejews ist auch die vierte Symphonie ein kontrapunktisch sehr dicht gearbeitetes Werk. Viele ihrer Themen sind aus einer motivischen Keimzelle abgeleitet, die wie ein Motto den ersten Satz eröffnet. Anders als Tschaikowsky war er überzeugt davon, dass die westliche Musik des 19. Jahrhunderts im Niedergang begriffen sei und somit kein Vorbild abgeben könne. Deswegen nahm Tanejew sich die Musik aus Renaissance, Barock und Wiener Klassik zum Leitbild. Mit dem Studium dieser Musik verschaffte er sich ein kompositorisches Fundament, das zu seiner Zeit nicht nur in Russland einzigartig war. Die vierte Symphonie erinnert zwar manchmal an Tanejews Lehrer Tschaikowsky, auch an Rimsky-Korsakoff, Wagner oder Brahms, verbindet diese Anklänge aber zu einem ganz eigenen Tonfall, der bei aller gedanklichen Konzentration genügend Raum für lyrische Schwärmerei bis hin zu ekstatischem Klangrausch lässt. Auf das verträumte Adagio in mildem As-Dur und das leichte Scherzo folgt ein mächtiges Finale, das mit einer Schluss-Apotheose in strahlendem C-Dur endet. So kann über dem ganzen Werk das Motto stehen, das für zahlreiche Werke der Romantik gilt: „Per aspera ad astra“. [Dr. Wolfgang Doebel]
Sergej Ivanowitsch Tanejew
* 13. November 1856 in Wladimir
† 6. Juni 1915 in Moskau
Entstehung 1896 bis 1898 in Moskau
Widmung Alexander Glasunow gewidmet
Uraufführung 21. März 1898 in St. Petersburg, Leitung: Alexander Glasunow
Erstdruck Verlag M. P. Belaieff, Leipzig
Spieldauer Ca. 40 Minuten