

An Person und Werk Anton Bruckners scheiden sich bis heute die Geister. Einer der Gründe liegt in Bruckners archaisch- monumentalen, der Orgel abgelauschten Klangwelten, die, verbunden mit der exzessiven Tristan-Chromatik Richard Wagners, manchen Hörer überfordern. Auch der Mensch Anton Bruckner wurde im großstädtischen, modernen Wien nicht selten als oberösterreichischer „Mostschädel“ belächelt. Viele seiner Werke wurden von den Musikern als „unspielbar“ abgelehnt, und Aufführungen, wie die der dritten Symphonie im Dezember 1877, wurden zu einem Fiasko für den Komponisten. Erst zwölf Jahre vor seinem Tod wendete sich das Blatt. Viele Freunde und Schüler Bruckners versuchten ihrem Lehrer zu helfen, indem sie ihn zu Änderungen veranlaßten. Daher liegen fast alle Symphonien Bruckners in mehreren Fassungen vor. Als Bruckner am 22. November 1874 nach nur elfmonatiger Arbeit seine vierte Symphonie komponiert hatte, suchte er vergeblich nach einer Aufführungsmöglichkeit. So entschloß er sich aus eigenem Antrieb zu einer Neufassung. In einem Brief vom 1. Oktober 1876 an den Musikschriftsteller Wilhelm Tappert, der sich in Berlin um eine Aufführung der vierten Symphonie bemühte, geht hervor, wie sehr sich der Komponist die Kritik mancher Dirigenten zu Herzen nahm: „Ich bin zur vollen Überzeugung gelangt, daß meine 4. romant. Sinfonie einer gründlichen Umarbeitung dringend bedarf. Es sind z. B. im Adagio zu schwierige, unspielbare Violinfiguren, die Instrumentation hie und da zu überladen u. zu unruhig.“ Für die zweite Fassung, die 1878 entstand, komponierte Bruckner ein vollständig neues Scherzo, und 1879/80 überarbeitete er noch das Finale, das nun in dritter Fassung vorlag. Obwohl die Uraufführung am 20. Februar 1881 mit den Wiener Philharmonikern und Hans Richter durchaus erfolgreich verlief, arbeitete Bruckner noch oft an seiner „Romantischen“ Symphonie, um sie weiter zu „verbessern“. Bis heute ist die „Romantische“ eine der beliebtesten Symphonien Anton Bruckners. Dazu tragen nicht nur ihr Reichtum an eingängigen Melodien bei, sondern auch Bruckners programmatische Erklärungen. So sah er im Beginn des ersten Satzes die „Morgenweckrufe“ in einer mittelalterlichen Stadt, im Seitenthema den Gesang der Kohlmeise, im Scherzo eine Jagdgesellschaft, im Trio des Scherzos eine „Tanzweise während der Mahlzeit auf der Jagd“, und im Finale ein „Volksfest“.
Anton Bruckner
* 4. September 1824 in Ansfelden bei Linz
† 11. Oktober 1896 in Wien
Entstehung 18. Januar 1878 bis 5. Juni 1880
Widmung Constantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst
Uraufführung 20. Februar 1881, Wien, Wiener Philharmoniker, Leitung: Hans Richter
Erstdruck Verlag Gutmann, Wien 1889 (Dritte Fassung von 1889, Bearbeitung von Ferdinand Löwe) Musikwissenschaftlicher Verlag, Wien 1936 (Zweite Fassung von 1878/80)
Spieldauer Ca. 65 Minuten