

Henri Dutilleux wurde 1916 geboren. Sein Leben umspannt damit die gesamte französische Musik des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Diese Zeit war geprägt von Olivier Messiaen und seinen Schülern, die mit elektronischer und serieller Musik an der Spitze der Avantgarde standen, aber auch von Komponisten, die in Ablehnung der Romantik neoklassizistische Werke mit Einflüssen der Unterhaltungsmusik und des Jazz schrieben. In dieser vielfältigen musikalischen Landschaft hat sich Henri Dutilleux bis heute seinen eigenen, sehr persönlichen Stil bewahrt. Dabei hat er sich einer gemäßigten Moderne, einer Wiederentdeckung des Lyrischen verschrieben. Wichtig ist ihm, wie seinen Vorbildern Maurice Ravel, Debussy und Roussel, die Melodie. Bis heute hat sich der mittlerweile fünfundneunzigjährige Komponistseine musikalische Kreativität bewahrt. Dafür sprechen nicht zuletzt seine „Correspondances“, die seit ihrer Uraufführung am 5. September 2003 über sechzig Mal gespielt wurden und als „romantische Musik des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet werden könnten. „Die Ausgangsidee zu diesem Werk bestand darin, Briefe von verschiedenen Verfassern auszuwählen,“ so der Komponist. „Am Anfang steht eines der beiden kurzen Briefgedichte von Rilke mit dem Titel ‚Gong‘, die die Vorstellung von Raum und Unendlichkeit widerspiegeln.“ Es folgt „das Gedicht ‚Cosmic Dance‘ des indischen Autors Prithwindra Mukherjee, das als eine Art Ansprache an den indischen Gott Shiva angesehen werden kann. Die anschließende Episode basiert auf den wichtigsten Passagen eines Briefes von Alexander Solscheniyzn an Mstislav und Galina Rostropowitsch (9. Februar 1984), in dem er an seine Qualen erinnert, an die Leidenszeit in den Gulags zehn Jahre zuvor, die er dank der mutigen Unterstützung seiner Freunde Slava und Galina und dank seines Glaubens überstanden hatte. Der Korrespondenz von Vincent van Gogh mit seinem Bruder Theo wurden einige Ausschnitte entnommen, wie z. B. ,Ich brauche die Religion dringend. Dann gehe ich in die Nacht hinaus, um die Sterne zu malen.‘“ Der Titel des Werkes bezieht sich aber ebenso auf das gleichnamige Gedicht von Baudelaire, in dem der Dichter die zwangsläufige Korrespondenz zwischen Himmel und Hölle beschwört.
Henri Dutilleux
* 22. Januar 1916 in Angers (Frankreich)
Correspondances für Sopran und Orchester nach Texten von Rainer Maria Rilke, Prithwindra Mukherjee, Alexander Solschenizyn und Vincent van Gogh
Entstehung 2002 bis 2004
Besetzung Großes Orchester mit Schlagzeug, Celesta und Harfe
Widmung Dawn Upshaw und Sir Simon Rattle gewidmet
Uraufführung 5. September 2003, Berlin, Berliner Philharmoniker, Sopran: Dawn Upshaw, Leitung: Simon Rattle
Erstdruck Verlag Schott, Mainz 2003
Spieldauer Ca. 20 Minuten