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Ruzicka: „Recherche (– Im Innersten)“

Mit Peter Ruzickas Werk Recherche (– Im Innersten) für Chor und Orchester, das 1998 entstand, bekommt das Jerusalem Programm einen Gegenwarts-Bezug, der aus dem Wort Jerusalem nicht mehr wegzudenken ist. Christoph Eschenbach dirigierte die Uraufführung am 2. Januar 2000 mit dem NDR-Symphonieorchester. Die Gegenwart Jerusalems, Hauptstadt des neuen jüdischen Staates Israel schließt die traumatische Erfahrung des Holocaust mit ein. In der 2000 Jahre währenden Diaspora hatte der Ort und das Symbol Jerusalem im Judentum etwas Magisches. So lautet die liturgische Formel am Ende der Pessachfeier: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Aber nicht nur die gelebte Sehnsucht nach dem Ort, der den Fluchtpunkt für eine komplizierte multikulturelle jüdische Identität während einer 2000-jährigen Diaspora darstellt, sondern auch die „mystische Gewissheit“ in einem Leben nach dem Tode mit Jerusalem verbunden zu sein, ist die Grundlage für Ruzickas Komposition über die innersten und letzten existentiellen Erfahrungen des Menschen. Ruzicka schreibt dazu: „Ich habe versucht, dieses Wort [Jerusalem] zu imaginieren als eine Begegnung mit einem Symbol. Im jüdischen Glauben ist im Augenblick des Todes, der Todesgewissheit, die Nähe zu Jerusalem gegeben – eine mystische Vereinigung- und in diesem Stück wird dieses Wort Jerusalem beschworen“. Jerusalem ist das einzige Wort, das vom Chor, der ansonsten ausschließlich Vokalisen erklingen lässt, gesungen wird. So taucht dieses eine und einzige Wort der Komposition auf wie ein enigmatischer Ort, in dem sich unaussprechliche Erfahrungen kondensiert haben. Ruzicka hatte das Werk von Beginn an als eigenständige Szene seiner „Celanoper“ konzipiert. Die Beschäftigung mit dem Schicksal und den künstlerischen Aussagen Paul Celans zieht sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk. Celan hatte Jerusalem ein Jahr vor seinem Freitod besucht und in seinen Jerusalemgedichten seinem persönlichen Bezug zu Jerusalem Ausdruck verliehen. In der Auslotung der Erinnerung an die Erinnerung, wie Ruzicka sie als Zeitzeuge verarbeitet, schwingt die Verzweifelung und Unvernarbbarkeit der Holocausterfahrung für alle Beteiligten mit. An der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens zerschellt die ritualisierte Beschwörung der mystischen Vereinigung mit dem Ort der ultimativen Sehnsucht. Ruzickas Komposition endet nicht versöhnlich, sondern im unaufgelösten Schmerz: Elfmal wird das Wort Jerusalem vom Chor mit wachsender Intensität beschworen. Die zwölfte Appellation und damit die Vision von Erlösung unterbleibt. Die Vollendung der Zeiten bleibt unvollendet.