

Erst Ende der fünfziger Jahre bezog er die Kompositionstechniken seiner westlichen Kollegen in sein Schaffen ein, die nach dem Schock von Auschwitz und Hiroshima in den fünfziger Jahren mit der aus der Zwölftontechnik entwickelten seriellen Musik und mit elektronischen Klängen alle Traditionslinien gekappt und eine architektonisch durchgeplante, dabei aber emotionslose Musiksprache entwickelt hatten. Hinzu kam die Begegnung mit der Musik des US-Amerikaners John Cage und dessen Prinzip der Aleatorik, also der Einbeziehung von Zufall und Chaos.
Durch die zunehmende Entfremdung der avantgardistischen Musik vom Publikum sahen sich die Komponisten in Ost und West jedoch immer mehr in einer Sackgasse. In den achtziger Jahren begann man, daraus die Konsequenzen zu ziehen, sich wieder auf Traditionen zu besinnen und schönen Klang sowie Emotionen zuzulassen. Dieser neuen Ästhetik verpflichteten sich führende Komponisten wie György Ligeti und Krzysztof Penderecki, und auch Withold Lutosławski schlug diesen Weg ein. Exemplarisch dafür ist seine letzte Symphonie. Am Beginn des einsätzigen Werkes stehen meditative Klarinetten-Kantilenen über ruhig bewegten Streichern, die von Einwürfen der Trompete unterbrochen werden. Die Musik steigert sich zu einem intensiven Gesang der hohen Violinen, dessen Verlorenheit und Trostlosigkeit an Passagen bei Dmitrij Schostakowitsch erinnert. Der große emotionale Ausbruch kurz vor Schluss der Symphonie, gefolgt von einem Zusammenbruch, beschwört den Geist Gustav Mahlers, und ebenso wie das Spätwerk des österreichischen Symphonikers atmet auch Lutosławskis letzte Symphonie eine schwermütige Abschiedsstimmung. [Dr. Wolfgang Doebel]
Witold Lutosławski
* 25. Januar 1913 in Warschau
† 7. Februar 1994 in Warschau
Symphonie Nr. 4
Entstehung Vollendet am 22. August 1992
Besetzung Großes Orchester mit Schlagzeug, Celesta, Klavier und Harfen
Widmung Komponiert im Auftrag des Los Angeles Philharmonic Orchestra
Uraufführung 5. Februar 1993, Los Angeles Philharmonic Orchestra, Leitung: Withold Lutosławski
Erstdruck Chester Music Ltd., London 1992
Spieldauer Ca. 21 Minuten