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Vaughan Williams: Symphonie Nr. 5 D-Dur
Die Musik Großbritanniens führt seit jeher ein Eigenleben. Dennoch ergaben sich im Laufe der Geschichte immer wieder punktuelle Berührungen mit der Musik des restlichen Europas. So lernten die französischen Musiker zu Beginn des 15. Jahrhunderts den neuen Stil der Renaissance von dem englischen Komponisten und Musikgelehrten John Dunstable. Nach Dunstable aber „wurde es, wie die Zeitgenossen selbst konstatierten, in England für längere Zeit recht windstill“, so der Schweizer Mittelalterforscher Jacques Handschin. Diese Windstille hielt für fast 450 Jahre an – lediglich für zwei Jahrzehnte unterbrochen von dem als „Orpheus britannicus“ verehrten Henry Purcell. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschaffte sich die britische Musik mit Komponisten wie Edward Elgar, vor allem aber Ralph Vaughan Williams, wieder Weltgeltung.

Vaughan Williams wurde 1872 geboren, wuchs südlich von London auf dem Lande auf und verbrachte dort auch den größten Teil seines Lebens. Schon als Kind lernte er mehrere Instrumente, und als Achtzehnjähriger besuchte er das Royal College of Music in London. Obwohl Vaughan Williams sehr gute Lehrer hatte, fühlte er sich als Komponist noch unsicher und setzte 1897 seine Ausbildung in Berlin bei Max Bruch fort. Aber erst ein Studienjahr bei Maurice Ravel in Paris brachte 1908 den Durchbruch. Ralph Vaughan Williams ist vor allem durch seine neun Symphonien in die Musikgeschichte eingegangen. Sein Stil ist geprägt vom Studium englischer Volksmusik, die er, ähnlich wie Béla Bartók, sammelte und herausgab, von der intensiven Beschäftigung mit englischer Renaissancemusik und von einer selbstauferlegten Verpflichtung zu einer Musik des „schönen Klangs“. Experimentelles oder Avantgardistisches war ihm, wie den meisten seiner britischen Kollegen, fremd.

Diese Charakteristika bestimmen auch die fünfte Symphonie, komponiert von 1938 bis 1943. Schon das erste Thema des
Kopfsatzes, ein rhythmisches Horn-Motiv und eine modal anmutende Melodie der Streicher, schlägt einen archaischen Ton an. Das Gleiche gilt für die einleitenden Akkorde der „Romanza“. Auch der Schlusssatz wählt mit der Passacaglia eine strenge Variationsform aus Renaissance und Barock. Viele Themen der fünften Symphonie sind der Oper The Pilgrim’s Progress (Die Pilgerreise zur seligen Ewigkeit) entnommen, an der Vaughan Williams mit längeren Unterbrechungen von 1906 bis 1949 arbeitete. [Dr. Wolfgang Doebel]

 

Ralph Vaughan Williams

* 12. Oktober 1872 in Down Ampney (Gloucestershire)
26. August 1958 in London

Symphonie Nr. 5 D-Dur

Entstehung  1938 bis 1943
Widmung  Jean Sibelius gewidmet
Uraufführung  24. Juni 1943, London, London Philharmonic Orchestra, Leitung: Ralph Vaughan Williams
Erstdruck  Oxford University Press, London 1946
Spieldauer  Ca. 35 Minuten