

Der berühmteste musikalischer Sohn der Nusikstadt Hamburg ist Johannes Brahms. Selbst war er Pianist und Dirigent, doch einer seiner Freunde und musikalischen Partner war Joseph Joachim, ein renommierter Violinist. Ihm ist das einzige Violinkonzert aus Brahms’ Feder gewidmet. Joachims Vermittlung verdankte Brahms die Bekanntschaft mit Franz Liszt und die intensive Freundschaft mit dem Ehepaar Schumann. Mit dem Geiger verband ihn das Ringen um künstlerische Entfaltung und musikalische Innovation, die doch die Traditionen der Wiener Klassik und der frühromantischen Musik berücksichtigte. Beide schätzten einander in ihrem Musizieren, aber ihre Freundschaft war trotzdem nicht frei von Spannungen. Die Entstehungsgeschichte des Violinkonzerts wirft ein bezeichnendes Licht auf dieses künstlerische Bündnis, weil Brahms seine Arbeit dem Freund längere Zeit verheimlichte, dann explizit dessen Rat einforderte, diesen aber kaum annahm. Trotzdem standen die beiden als Dirigent und Solist der Uraufführung gemeinsam auf dem Podium des Gewandhauses in Leipzig – und Brahms widmete Joachim das Konzert, als es im Druck erschien. Joachim charakterisierte in seiner Violinschule die spezifische Aufgabe des Solisten bei diesem Konzert: „Der Vortrag des ebenso schwierigen wie bedeutenden Konzertes bietet dem Spieler eine besonders interessierende Aufgabe durch die Notwendigkeit intimsten Zusammenwirkens mit dem gleichberechtigten Orchester. [...] Der Vortragende muss genau empfinden, wo er zu dominieren und wo er sich unterzuordnen hat. Strenge, Festhalten am Takte, und gleichwohl freie Gestaltung des Ausdrucks, zurücktreten, ohne jedoch zur Unbedeutendheit herabzusinken, diese scheinbaren Gegensätze soll er zu vereinen wissen.“ Damit umreißt Joseph Joachim ziemlich genau die Besonderheit des Violinkonzerts, das eben gerade keinen virtuosen Solopart enthält, sondern die Violine als eine Stimme im Gesamtklang einbindet. Pablo de Sarasate hat sich geweigert, diese zu übernehmen, weil er die einzige sangbare Melodie des Werkes, die zu Beginn des zweiten Satzes erklinge, nicht mit dem Instrument in der Hand von der Oboe intoniert hören wolle. Dem berühmten Virtuosen war der Solopart also nicht exponiert genug. Doch gerade weil dem so ist, leistet die Violine in Brahms’ Konzert mehr als üblich. Statt vor dem Orchester mit Figurierungen und brillanten Passagen zu glänzen, nimmt sie teil an der thematischen Entwicklung und prägt so den motivischen Fluss des Ganzen.
Der Kopfsatz entwickelt sich in der Sonatensatzform. Er beginnt in klanglicher Dichte, bevor die Breite des Orchesters entfaltet wird und dem ersten Einsatz des Solisten die Bahn weist. Tatsächlich stehen die Fähigkeiten des Instrumentalisten zunächst im Fokus, wenn er Doppelgriff-Passagen und Akkordbrechungen zeigen kann. Diese sind Fortführung der orchestralen Themen und werden vom Tutti wiederum aufgegriffen. Im Mittelteil des Satzes evozieren synkopierte Figuren Reibungen, deren Spannung schließlich in einem genuin romantischen Gesangsthema gelöst wird. Den zweiten Satz eröffnen die Holzbläser zart und liedhaft, die Stimmung erinnert pastorale Szenen. Die Solovioline schweigt längere Zeit und kann sich nur im Mittelteil des Satzes deutlich entfalten, bevor dieser sich zum Ausgangsmaterial zurückbewegt. Brahms’ erster Biograph Max Kalbeck charakterisierte die Melodie als „kindlich fromm, unschuldig, zart und rein“. Der dritte Satz schließlich birgt doch noch die Chance für solistische Brillanz. Das Rondo ist von Temperament und Schwung geprägt. Zwischen dem eingängigen Refrain kann die Violine verschiedenste Klangfarben einbringen, tänzerischer Schwung und kammermusikalische Intensität stehen zu ihrer Disposition. Eduard Hanslick, berüchtigter Musikkritiker der Zeit, schrieb über Joachims Violine bei der Uraufführung: „Seitenlang spaziert sie in Doppelgriffen, eine förmliche Sexten-Etüde mündet in eine Allee von Arpeggien, aus welcher schließlich rapide Scalenläufe wie Raketen aufblitzen.“ Der Dirigent Hans von Bülow bezeichnete es deswegen einmal als Konzert „nicht für, sondern gegen die Violine“. Doch die Uraufführung war ein Erfolg und weil diese auch an einem Neujahrstage, nämlich am 1.1.1879, stattfand, passt das Violinkonzert von Johannes Brahms perfekt in das heutige Programm.
Johannes Brahms
* 7. Mai 1833 in Hamburg
† 13. April 1897 in Wien
Violinkonzert D-Dur op. 77
Entstehung Sommer 1878 in Pörtschach am Wörthersee
Widmung Dem Geiger Joseph Joachim gewidmet, mit dem Brahms eng befreundet war
Uraufführung 1. Januar 1879, Leipzig, 11. Abonnementskonzert des Gewandhausorchesters, Violine: Joseph Joachim, Leitung: Johannes Brahms
Erstdruck Verlag Simrock, Oktober 1879
Spieldauer Ca. 40 Minuten