

Tallis - Einstrahlungen für Orchester entstand 1993 als Auftragswerk für das Schleswig-Holstein Musik Festival. Das Fragmentarische wird hier konfrontiert mit einer Musik, die in höchstem Maße vollkommen ist: einer Motette des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Taliis. Ruzickas Stück beginnt mit an- und abschwellenden geräuschartigen Klängen der hohen Streicher.
Erst allmählich ergibt sich eine Struktur, eine rhythmische Ordnung, verbunden mit Wohlklängen der Holzbläser. In diese Klänge und Geräusche strahlen die zitathaften Anklänge an die Motette von Thomas Taliis ein, die eine nachhaltige Veränderung der Anfangssituation bewirken; nichts ist mehr so wie vorher.
In einem Kommentar äußerte sich der Komponist zu dem Stück und dazu, welche Bedeutung die Musik von Thomas Tallis für ihn hatte: "Die Beziehung zum 'Vorher', zu einem tradierten musikalischen Zeichenvorrat war bestimmend für eine Reihe von Kompositionen, die in den Neunzigerjahren entstanden: 'Musik über Musik', was keineswegs die Notwendigkeit des Textzitates bedingte, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit strukturellen und auratischen Momenten eines Subtextes. Das Erlebnis der 400 Jahre alten Musik von [...] Thomas Tallis, im Besonderen dessen vierzigstimmige Motette Spem in alium, bedeutete tatsächlich eine existenzielle Erfahrung, eine Veränderung der ästhetischen Koordinaten und Zeichen. Die Klang-Raum-Konzeption jener Musik bedingte einen Perspektivenwechsel, der durchschlug auf die eigene musikalische Gestalt. Die 'Einstrahlungen' - so lautet der Untertitel des 1993 komponierten Orchesterwerkes Tallis - einer jahrhundertealten Konfiguration von Klangströmen und ganz eigenen Veränderungszeiten in meine eigene Musik geriet zu einem prozesshaften Vorgang: Rezeption und kompositorische Produktion bedingten einander und ließen die Musik aus der Zeit gleichsam heraustreten." [Dr. Wolfgang Doebel]
Peter Ruzicka
* 3. Juli 1948 in Düsseldorf
Tallis - Einstrahlungen für Orchester
Entstehung 1993
Besetzung Großes Orchester mit umfangreichem Schlagzeug, Harfe und Celesta
Uraufführung 11. August 1993, Kiel, Philharmonia Orchestra London, Leitung: Giuseppe Sinopoli
Erstdruck Musikverlag Hans Sikorski, Hamburg 1993
Spieldauer Ca. 15 Minuten