

Die Leningrader Uraufführung am 5. November 1939 wurde in Anwesenheit Schostakowitschs zu einem so großen Erfolg, dass der letzte Satz wiederholt werden musste. Bei den Kritikern jedoch stieß das neue Werk auf Unverständnis. Die ungewöhnliche formale Anlage, bei der zwei kurze, lebhafte Sätze auf ein großes, ausgedehntes Largo folgen, erschien ihnen als "sonderbarer Rumpf ohne Kopf".
Tatsächlich hinterlässt die Symphonie beim ersten Hören keinen geschlossenen Gesamteindruck. Der von großer Schwermut getragene erste Satz beginnt ohne Umschweife mit dem charakteristischen Hauptthema, im Unisono von Streichern und Holzbläsern gespielt. Der ruhige, kammermusikalische Mittelteil des Satzes wird von einem elegischen Gesang des Englischhorns über tiefen Streichern bestimmt, bevor ein Flötensolo einsetzt, zu dem sich eine zweite Flöte gesellt. Mit ihrer Vogelstimmen-Thematik, aber auch mit dem vorangegangenen Abschnitt des Englischhorns, knüpft Schostakowitsch an Passagen aus Gustav Mahlers Auferstehungs-Symphonie an. Der zweite Satz (Allegro) ist ein atemlos schnelles Scherzo, das ätherisch-huschende Holzbläser-Läufe martialischen Tutti-Passagen gegenüberstellt. Auch das Finale kann mit seiner aufgesetzt wirkenden Heiterkeit, der "gelehrten" Kontrapunktik im Mittelteil sowie der Coda, die sich sogar "dem Genre der leichten Musik annähert" (Krzysztof Meyer) nicht den tiefen Ernst des Largos aufwiegen. So wird Schostakowitschs 6. Symphonie zu einem Abbild der Widersprüche und der Zerrissenheit der sowjetischen Gesellschaft der Dreißigerjahre. [Dr. Wolfgang Doebel]
Dmitri Dmitriewitsch Schostakowitsch
* 25. September 1906 in St. Petersburg
† 9. August 1975 in Moskau
6. Symphonie h-Moll Op. 54
Entstehung 15. April bis 2. November 1939
Besetzung Großes Orchester mit Schlagzeug, Celesta und Harfe
Uraufführung 5. November 1939, Leningrad, Leningrader Philharmonie, Leitung: Jewgeni Mrawinski
Erstdruck Musgis, 1941
Spieldauer Ca. 30 Minuten