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Händels Auferstehung

Erzählung von Stefan Zweig mit Musik von Georg Friedrich Händel

Sternstunden der Menschheit nannte Stefan Zweig eine Sammlung von 'historischen Miniaturen', die 1927 erschienen und so großen Erfolg hatten, dass bis Ende 1928 schon sieben Auflagen, 130 000 Bücher gedruckt und verkauft wurden. Insofern überrascht es nicht, dass Zweig es nicht bei fünf Texten über entscheidende Augenblicke der Weltgeschichte und deren Protagonisten beließ. Heutige Ausgaben der 'Sternstunden' vereinen 14 Erzählungen, die alle dem Prinzip folgen, auf subjektive Weise das jeweilige Erlebnis einer historischen Persönlichkeit zu gestalten.

Stefan Zweig war als Wiener Jude in großbürgerlichen Kreisen aufgewachsen und lebte europäischen Geist. Er war als übersetzer ebenso tätig, wie er mit zahlreichen Künstlern in vielen Ländern, wie Rolland Romain und Maxim Gorki, in regem Briefkontakt stand. Zweig schrieb als Journalist für Zeitschriften, beriet den Insel-Verlag bei Programmen und der Buchgestaltung, er sammelte Autografe und blieb sein Leben lang überzeugter Pazifist.

Sein literarisches Schaffen wird von zwei Formen bestimmt, die sich in den Sternstunden der Menschheit vereinen: der Novelle auf der einen Seite, eines seiner berühmtesten Werke ist die Schachnovelle, und romanhaften Biografien, zum Beispiel von Marie Antoinette, auf der anderen. Die Erzählungen der Sternstunden lassen Momente der Weltgeschichte vor dem Leser lebendig werden. Dabei greift Zweig auf ganz verschiedene Begebenheiten zurück, denen er jeweils eine eigene Sprache und Darstellungsform zu geben weiß. Damit werden sie für den Leser so plastisch, als stünde er neben den Figuren, ohne dass die Erzählungen dokumentarischen Charakter beanspruchen.

Georg Friedrich Händel begegnet uns im Text als starker, im wahrsten Sinne des Wortes barocker Charakter. 1737 setzt die Handlung in London ein, die Zeit in Hamburg und Italien liegt weit hinter dem Komponisten und auch die ersten großen Erfolge in England sind vergangen. Geschäftlich wie gesundheitlich bricht Händel zusammen, hoch verschuldet erleidet er einen Schlaganfall. Die kaum zu erwartende Genesung während der Kur in Aachen bringt auch die Wiederbegegnung mit der geistlichen Musik. Die ersten Oratorien hat der historische Händel schon 1707 bzw. 1708 in Italien geschrieben, bevor er sich in London der Gattung zentral widmete, nachdem ihm die zunächst erfolgreichen italienischen Opern den Ruin gebracht hatten. In der Erzählung erfahren wir nur, dass Händel schon zwei der englischsprachigen, auf Bibelworten basierenden Kompositionen für Solisten, Chor und Orchester geschaffen hat, als er das Libretto über das Leben Jesu findet. In seiner tiefen Verzweiflung am Sinn seiner wundersamen Genesung scheinen die Verheißungen, die Beschreibung der Geburt und des Wirken Jesu sowie sein versprochener Triumph am jüngsten Tag direkt an ihn selbst gerichtet zu sein. Die Musik fließt ihm nur so zu, innerhalb von gut drei Wochen, historisch korrekt vom 22. August bis zum 14. September 1741, entsteht die Partitur des Oratoriums The Messiah.

Mit diesem und weiteren Oratorien errang Händel wieder Erfolg und Achtung in London, er prägte die Gattung - die Aufführungsgeschichte des Messiah zieht sich bruchlos vom 18. ins 21. Jahrhundert, wohingegen seine Opern erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurden. Insofern zeigt die Erzählung Zweigs einen entscheidenden Wendepunkt im Schaffen Händels, der den übergang von der Oper zum Oratorium markiert und damit seine Unsterblichkeit als Komponist begründet. Zweig schrieb die Erzählung ebenfalls an einem Wendepunkt in seinem Leben, die Herrschaft der Nationalsozialisten zwang ihn 1934 zur Emigration nach London, 1936 wurden seine Bücher in Deutschland verboten und 1940 schließlich floh er gänzlich aus Europa. Er hatte damit seine 'geistige Heimat' verloren, den heimatlichen Kontinent genauso wie die alten Ideale, für die er gelebt und geschrieben hatte.

Im Konzertprogramm erscheint die Vielfalt in Händels Kompositionen, die den im Text geschilderten Momenten atmosphärisch zur Seite treten. Neben einem Konzert für Oboe und Orchester und einem Orgelkonzert repräsentiert die Musik des ersten Teils mit zwei Arien, gespielt von der Oboe, auch das virtuose Schaffen Händels auf dem Gebiet der italienischen Oper. Es ist Christoph Hartmann gelungen, in London die Bearbeitungen einzelner Arien aufzuspüren, die tatsächlich für Händels Oboisten geschrieben wurden. Im zweiten Teil steht The Messiah im Mittelpunkt. Neben Halleluja-Chor, Amen-Chor und anderen prominenten Stellen, erklingen auch die Pifa sowie die Arie I know that my Redeemer liveth. [Dr. Wolfgang Doebel]

Georg Friedrich Händel

* 23. Februar 1685
4. April 1759

The Messiah / Der Messias

Uraufführung 13. April 1742

 

Stefan Zweig

* 28.11.1881
22.02.1942 Petrópolis (Brasilien)

Georg Friedrich Händels Auferstehung

Erstdruck 21. April 1935, Neue Freie Presse, Wien