

Lediglich vier Jahre liegen zwischen Bartóks Divertimento für Streichorchester und dem Konzert für Orchester - vier Jahre, in denen sich das Leben des Komponisten entscheidend veränderte. Im Oktober 1940 wegen des Zweiten Weltkriegs in die USA emigriert, konnte Bartók in der Neuen Welt weder als Lehrer noch als Komponist wirklich Fuß fassen. An eine Schülerin schrieb er Ende 1942: "Nie hätte ich gedacht, dass dies das Ende meiner Laufbahn sein würde. Meine Karriere als Komponist ist so gut wie zu Ende; die Quasi-Boykottierung meiner Werke seitens der führenden Orchester geht weiter. Das ist eine große Schande - natürlich nicht für mich." Zudem machte Bartóks im selben Jahr diagnostizierte Leukämie-Erkrankung eine feste Anstellung mit geregeltem Einkommen unmöglich.
Schon 1940 war Bartók in eine schwere Schaffenskrise geraten. Erst als Bartók einen Kompositionsauftrag der Koussevitzky-Stiftung für ein großes Orchesterwerk erhielt, kehrte seine Schaffenskraft zurück. Der Gründer der 1942 zur Förderung neuer Musik ins Leben gerufenen Stiftung, der russische Dirigent Serge Koussevitzky, hatte Bartók 1943 persönlich am Krankenbett aufgesucht und ihm einen dringend benötigten Vorschuss von 1.000 US-Dollar überreicht. Das Konzert für Orchester entstand in wenigen Wochen, vom 15. August bis 8. Oktober 1943. Der ungewöhnliche Titel, erklärte der Komponist auf dem Programmzettel der Uraufführung vom 1. Dezember 1944 unter Koussevitzkys Leitung, beziehe sich auf die "konzertierende oder solistische Behandlung einzelner Instrumente oder Instrumentengruppen". Auch zum Inhalt der Komposition gab Bartók eine in Anbetracht seiner persönlichen Situation bemerkenswerte Erläuterung: "Die Grundstimmung des Werkes stellt - vom scherzohaften zweiten Satz abgesehen - einen stufenweisen übergang vom Ernst des ersten und dem Klagelied des dritten Satzes zur Lebensbejahung des Finales dar." Tatsächlich gelang Bartók hier wie im kurz danach komponierten dritten Klavierkonzert neben der Lebensfreude eine Ruhe und Abgeklärtheit, die nach allem provozierenden Dissonanzenreichtum der jüngeren Jahre typisch für Bartóks Spätwerk ist. Aber auch hier, in seiner letzten symphonischen Komposition, spielen Ironie und Sarkasmus eine Rolle, wenn im vierten Satz das 'Zwischenspiel' von einer Persiflierung von "Heut geh' ich ins Maxim" aus Hitlers Lieblingsoperette Die lustige Witwe von Franz Lehár unterbrochen wird.
Béla Bartók
* 25. März 1881 in Nagyszentmiklós (Ungarn)
† 26. September 1945 in New York
Konzert für Orchester SZ 116
Entstehung 15. August bis 8. Oktober 1943 in Saranac Lake (USA)
Widmung An die musikalische Stiftung Koussevitzky, zur Erinnerung an Natalie Koussevitzky
Uraufführung 1. Dezember 1944, New York, Carnegie Hall, Boston Symphony Orchestra, Leitung: Serge Koussevitzky
Erstdruck Verlag Boosey & Hawkes, London 1946
Spieldauer ca. 37 Minuten