Joseph Haydn galt in der Musikgeschichte lange Zeit als bloßer Vorläufer Mozarts und Beethovens. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass er fast 30 Jahre im Dienste der Fürsten von Eszterházy stand und nicht das selbstbestimmte, seinem Bekanntheitsgrad in der Musikwelt entsprechende Leben eines Komponisten-Genies führen konnte. Als aber im September 1790 sein Dienstherr Fürst Nicolaus Joseph von Eszterházy starb und dessen Sohn Paul Anton für das dreißigköpfige Orchester und dessen Kapellmeister keine Verwendung mehr hatte, konnte Haydn die ungeliebte "Einöde" von Schloss Eszterházy endlich verlassen und nach Wien übersiedeln. Zur selben Zeit erfuhr der Londoner Violinist und Konzertunternehmer Johann Peter Salomon zufällig vom Tod des Fürsten Eszterházy. Jetzt sah er die lange erwartete Chance gekommen, Haydn noch im Dezember 1790 nach London zu verpflichten. Dort erreichte Haydn eine so große Popularität, dass er sich zu einer zweiten Reise nach England von Februar 1794 bis August 1795 entschloss. Die für diese beiden Aufenthalte komponierten zwölf
Londoner Symphonien (Nr. 93 bis 104) stellen in jeder Hinsicht den Höhepunkt des Haydnschen Sinfonieschaffens dar. Mit dem Beinamen für die Symphonie Nr. 96 hat es eine besondere Bewandtnis: Während eines Konzertes stürzte in den Hanover Square Rooms ein Kronleuchter zu Boden. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, und so erhielt die Symphonie den Beinamen
Le Miracle. (Kurioserweise beruht diese Namensgebung aber auf einem Irrtum, da an besagtem Abend die Sinfonie Nr. 102 gespielt wurde.) Die Symphonie Nr. 96 brachte Haydn am 10. März 1791 im ersten seiner bis Anfang Juni laufenden sechs Konzerte dieser Saison in den Hanover Square Rooms zur Aufführung. Unter seinen
Londoner Symphonien macht sie nicht, wie einige ihrer Schwestern, allen voran die
Militär-Symphonie Nr. 100, durch auftrumpfende Gesten oder lautes Getöse auf sich aufmerksam. Im Vordergrund stehen eher die Zwischentöne. Schon die Adagio-Einleitung des Kopfsatzes beginnt bedächtig. Fast kammermusikalisch wirken die Violin-Soli am Schluss des Andantes und das Oboen-Solo im Trio des Menuetts. Das relativ kurze Finale ist trotz der Tempobezeichnung Vivace kein extrem schneller oder stürmisch-lauter Satz, sondern eine eher galante Komposition mit freundlichen, geschmackvollen Themen.
[Dr. Wolfgang Doebel]
Franz Joseph Haydn
* 31. März 1732 in Rohrau an der Leitha/Niederösterreich
† 31. Mai 1809 in Wien
Entstehung 1791 in London
Widmung Gewidmet Prinz Louis Ferdinand von Preußen
Uraufführung 10. März 1791 in London, Hanover Square Rooms, Leitung: Joseph Haydn
Erstdruck Verlag André, Offenbach 1795
Spieldauer ca. 25 Minuten