Anton Bruckners 5. Symphonie zeigt alle Merkmale seines Personalstils: Eine aus Bruckners Affinität zur Orgel resultierende Instrumentation, die reine Klangfarben neben- oder gegeneinanderstellt, schroffe dynamische Kontraste, gleichsam architektonische Aneinanderfügungen gewaltiger Klangblöcke oder Klangsäulen im zwei- bis dreifachen Forte, aber auch lange Steigerungswellen und eine an Wagner gemahnende, glutvolle, mit Chromatik durchtränkte Harmonik und Melodik. Schon in den ersten Takten des Werkes lassen sich diese Stilmittel beobachten. Dort folgen auf 14 Takte der Streicher im Pianissimo zwei Klangsäulen des vollen Orchesters im Fortissimo, denen jeweils ein vollstimmiger Choral der Blechbläser gegenübergestellt wird. Darüber hinaus ist die 5. Symphonie ein Lehrstück für die motivische Verknüpfung der vier Sätze untereinander, was bei weitem nicht nur am Beginn der beiden Mittelsätze oder dem Erscheinen des Kopfsatz-Themas gegen Ende der Symphonie deutlich wird. Auch Bruckners Fugentechnik feiert in der 5. Symphonie wahre Triumphe. Zwar finden sich in den Symphonien trotz einiger Anklänge kaum echte Fugen. Hier jedoch wird im Finale schon das erste Thema sogleich als Fuge vorgestellt, und nach der Exposition folgt jener feierliche Choral des Blechs, der, nach kunstvollster polyphoner Verarbeitung, als gewaltiger Lobgesang auf die Schöpfung die Symphonie beschließt. Der betont 'gelehrte Stil' der Symphonie hängt mit Bruckners zunächst mehrmals erfolgloser Bewerbung als Lektor für Harmonielehre und Kontrapunkt an der Wiener Universität zusammen. Erst die Intervention des Bruckner wohlgesinnten Unterrichtsministers Karl von Stremayr änderte die Situation. Mit der 5. Symphonie, die Bruckner aus Dankbarkeit Stremayr widmete, wollte der Komponist nachträglich unter Beweis stellen, dass Musiktheorie durchaus als Lehrfach an Universitäten taugt. Trotz dieser Widmung kam eine Aufführung des komplexen und komplizierten Werkes zunächst nicht zustande. Die Uraufführung setzte Bruckners Schüler Franz Schalk erst 1894 in Graz durch - allerdings mit erheblichen, von Bruckner bis auf eine Ausnahme nicht autorisierten, ja sogar vor ihm verschwiegenen Eingriffen in den Umfang und die Substanz des Werkes. Danach sollten noch einmal über 41 Jahre vergehen, bis die Symphonie am 28. Oktober 1935 in München in der vom Komponisten gewollten Gestalt erklingen konnte.
Anton Bruckner
* 4. September 1824 in Ansfelden bei Linz
† 11. Oktober 1896 in Wien
Entstehung 14. Februar 1875 bis 4. Januar 1878 in Wien
Widmung Gewidmet dem österreichischen Minister für Kultus und Unterricht Karl von Stremayr
Uraufführung 9. April 1894 in Graz, Orchester der Vereinigten Bühnen Graz, Leitung: Franz Schalk (Bearbeitung von Franz Schalk) 28. Oktober 1935 in München, Münchner Philharmoniker, Leitung: Siegmund von Hausegger (Originalfassung)
Erstdruck Verlag Doblinger, Wien 1896 (Bearbeitung von Franz Schalk)
Spieldauer 70 bis 80 Minuten