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Christian Ganzhorn

Wer sind die Musiker dort auf der Bühne? Was bewegt sie, wenn sie den Bogen bewegen? An dieser Stelle lernen Sie die Hamburger Symphoniker von einer ungewohnten Saite kennen. Heute: Christian Ganzhorn, Solofagottist, dessen 25-jähriges Orchesterjubiläum kurz bevor steht.

Wenn ich gefragt werde, warum ich mich einst für das Fagott entschieden habe, ist meine erste Antwort banal: Es ist groß, und ich bin auch groß gewachsen. Wir passen also gut zusammen. Aber es ist natürlich noch einiges mehr, was das Fagott zu einem ganz besonderen Instrument macht. Meine zweite Antwort ist deshalb: Es ist extrem gesanglich. Es gibt wohl kein anderes Orchesterinstrument, das so singen kann. Ich mag einerseits den tiefen, melancholischen Klang. Und andererseits singt das Fagott so täppisch wie ein Clown, was mir ebenfalls gut gefällt. Immer wenn es komisch wird, also etwa beim Besentanz in Dukas‘ „Zauberlehrling“ oder beim Auftritt eines Besoffenen in Charlie-Chaplin-Filmen, übernimmt das Fagott. Und alle haben Spaß.

Ich bin in Schwaben geboren und aufgewachsen und habe später in Hannover bei Professor Klaus Thunemann studiert. Seit 1990 spiele ich nun bei den Hamburger Symphonikern, im März sind es 25 Jahre! Ich habe mich damals bewusst für ein Symphonieorchester entschieden; ich mag es, auf der Bühne zu sitzen. Und ich wollte gern nach Hamburg ziehen, was ich nie bereut habe. Wenn ich auf dieses Vierteljahrhundert zurück schaue, bin ich sehr beeindruckt, welche Entwicklung die Hamburger Symphoniker genommen haben. Früher waren wir immer nur die „Netten“, weil es hier familiär zuging. Wenn wir gut gespielt haben, schrieben die Journalisten, wir seien über uns „hinausgewachsen“. Heute sind wir Profis ohne Wenn und Aber, sind repräsentabel und international zu verkaufen. Jetzt müssen wir hin und wieder Kritik einstecken, eben weil man uns ernst nimmt – das finde ich super.

Ich empfinde es als großes Geschenk, wie unser Intendant Daniel Kühnel und unser Chefdirigent Jeffrey Tate das Orchester in den letzten Jahren vorangebracht haben. Es gibt zwei Menschen, die mich als Musiker ganz besonders beeinflusst haben. Der erste war Leonard Bernstein, unter dem ich 1989 beim Schleswig-Holstein Musik Festival spielen durfte: Ein Dirigent, der allein mit den Augen das Beste aus einem Orchester herausholen konnte. Plötzlich saß alles. Wahnsinn. Und der zweite war und ist Jeffrey Tate. Auch er ist ein echtes Phänomen, als Dirigent und persönlich. Er hat einen vorbildlichen Benimm, niemals in all den Jahren hat er einen einzelnen Musiker vor den anderen bloß gestellt. Er ist immer beherrscht, er hat es gar nicht nötig, zu laut zu werden; er setzt sich auch so durch. Vielleicht ist es die britische Formvollendung, wenn er allen Menschen um sich herum das Gefühl gibt, im übertragenen Sinne schön zu sein. Mich macht es stolz, dass wir uns mit Jeffrey Tate in der Vergangenheit Richard Strauss erobert haben, etwa mit „Also sprach Zarathustra“ zu Beginn dieser Saison. Unter ihm haben wir beispielsweise gelernt, wirklich leise zu spielen. Wer nie im Orchester gesessen hat, weiß wahrscheinlich gar nicht, wie schwer das ist.

Ich schätze die Arbeit im großen Orchester sehr, aber es gibt in der klassischen Musikliteratur kaum Werke, in denen das Fagott weithin solistisch glänzen kann. Deshalb liebe ich die Kammermusik, zum Beispiel das Oktett op. 166 von Franz Schubert. Es ist großartig, dass uns Daniel Kühnel Möglichkeiten schafft, kammermusikalisch aufzutreten – sei es in den Kammer- oder in den Lunchkonzerten: Jeder spielt mal mit jedem, das tut dem gesamten Orchester gut.

Denn so ein Orchester ist ja ein komplexes soziales Gebilde. Es geht nicht nur darum, dass jeder sein Instrument perfekt beherrscht. Es geht auch immer wieder um Kommunikation – die bekanntlich in der Kammermusik besonders wichtig ist. Und die Hamburger Symphoniker haben die richtige Größe, um sich auch darüber hinaus einbringen zu können. Hier finde ich die richtige Form, Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel im Orchestervorstand, in dem ich lange Mitglied war, oder im Betriebsrat, dem ich zurzeit angehöre. Ich bin nun mal nicht der, der seinen Mund hält. Ich möchte mitgestalten, und das kann ich hier.

Immer wieder bin ich beeindruckt, welche tollen neuen Kollegen wir in den vergangenen 25 Jahren in unseren Reihen willkommen heißen konnten. Das sind fantastische Musiker und richtig gute Typen. Seit einigen Jahren sind diese Neuen mehr denn je bereit, sich einzubringen. Ich freue mich sehr, wenn sich wie zuletzt überraschend viele Kollegen zum Beispiel bereit erklären, die Aufgaben eines „Sicherheitsbeauftragten“ zu übernehmen. Denn selbst so ein Engagement trägt ein kleines bisschen dazu bei, dass unter uns Musikern ein Gemeinschaftsgefühl, eine gemeinsame Idee entsteht. Und genau dies spüren dann die wichtigsten Menschen am Konzertabend: Unsere Gäste.

 

Christian Ganzhorn ist Solofagottist der Hamburger Symphoniker seit 1990.

Christian Ganzhorn wurde 1964 in Stuttgart geboren und begann seine Fagottausbildung frühzeitig bei Ralph Sabow (Süddeutscher Rundfunk Stuttgart). Beim Wettbewerb 'Jugend musiziert' wurde er mehrfach Preisträger.

Er studierte bei Prof. Klaus Thunemann an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Zu dieser Zeit war er auch Mitglied im 'European Community Youth Orchestra', mit dem er unter anderem unter Vladimir Ashkenazy bei den Festspielen in Luzern gastierte und unter Erich Leinsdorf auf Tournee durch die USA ging.

Neben zahlreichen weiteren Tätigkeiten spielte er als Solo-Fagottist beim Schleswig-Holstein Musik Festival unter Leonard Bernstein und unternahm mit diesem Konzertreisen durch Westeuropa und die Sowjetunion.

1990 ging Christian Ganzhorn als Solofagottist zu den Hamburger Symphonikern. Neben seiner solistischen und Orchestertätigkeit wirkte er in zahlreichen Projekten des 'Ensemble Modern' Frankfurt mit und engagiert sich leidenschaftlich in der Kammermusik.