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Prof. Dr. Wolfgang Welsch
Wolfgang Welsch hat sich zuerst im Lauf der 80er Jahre in der Postmoderne-Diskussion einen Namen gemacht (Unsere postmoderne Moderne, 1987). Er plädierte dafür, die Postmoderne nicht als eine Nach- oder Anti-Moderne zu verstehen, sondern als die zeitgenössisch adäquate Form von Modernität zu begreifen. Zur Moderne habe seit jeher eine Innovationsdynamik gehört, und gegenwärtig sei diese eben durch diejenigen Momente gekennzeichnet, die man "postmodern" nennt.

Ein zweiter Arbeits- und Wirkungsschwerpunkt von Welsch ist die Ästhetik. Er plädierte von Anfang an für eine Öffnung der Ästhetik über deren klassische Beschränkung auf Fragen der Kunst hinaus, für eine Zuwendung auch zu den ästhetischen Phänomenen der Lebenswelt im weitesten Sinn (Design, Politik, Ökonomie, Technologie, Wissenschaft, etc.). Der "Aesthetics Beyond Aesthetics" betitelte Schlussvortrag beim XIII. Internationalen Kongress für Ästhetik in Lahti 1995 wurde für die weitere Arbeit der International Association for Aesthetics (des weltweiten Dachverbandes der Ästhetiker und der Ästhetikgesellschaften insgesamt) maßgebend, ebenso wie später der beim XV. Internationalen Kongress für Ästhetik in Tokyo 2001 gehaltene Vortrag "Art transcending the human pale". In zahlreichen Publikationen hat Welsch der Ästhetik bis auf den heutigen Tag immer wieder neue Impulse verliehen (Ästhetisches Denken 1990, Ästhetik im Widerstreit 1991, Die Aktualität des Ästhetischen 1993, Grenzgänge der Ästhetik 1996, Undoing Aesthetics 1997, Estetyka poza estetyką 2005, Actualidad de la estética - estética de la actualidad 2011, Blickwechsel - Neue Wege der Ästhetik 2012, Aesthetics and Beyond 2013).

Ein drittes Arbeitsfeld betrifft das 1990 von Welsch begründete Konzept der Transkulturalität. Heutige Kulturen sind nicht mehr homogen und monolithisch (nicht mehr wie Kugeln verfasst), sondern weisen vielfältige Durchdringungen und Verflechtungen auf (haben Netzwerkcharakter). Zeitgenössische Identitäten sind dadurch gekennzeichnet, dass sie Elemente unterschiedlicher kultureller Herkunft in sich verbinden. Von daher sind die heutigen Individuen in sich transkulturell. Das gilt nicht etwa nur für Migranten, sondern in der globalisierten Welt zunehmend für jedermann. Transkulturelle Identitäten haben den Vorteil, kommunikations- und anschlussfähiger zu sein, weil zwischen ihnen Schnittmengen bestehen, die ein erstes gegenseitiges Verstehen ermöglichen, das in weiteren Kommunikationsschritten ausgebaut werden kann. 

Viertens hat Welsch das Konzept der transversalen Vernunft begründet (Vernunft - Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft 1995). Die klassische Unterscheidung zwischen Vernunft und Rationalität ist zeitgenössisch zu reformulieren. Die diversen Rationalitäten sind jeweils bereichsspezifisch und eigengesetzlich; die ökonomische Rationalität etwa ist ganz anders verfasst und hat andere Geltungsbedingungen als die ästhetische Rationalität. Vernunft hingegen ist dasjenige Vermögen, das zwischen den Rationalitätsformen überzugehen und zu vermitteln vermag. Sie tut dies aber nicht aufgrund eines übergeordneten inhaltlichen Prinzipiensatzes (sie ist eben nicht eine übergeordnete Rationalität), der ihr dekretorische Entscheidungen erlauben würde, sondern sie verfügt nur über formale (im weitesten Sinne logische) Kriterien und muss sich in Übergang, Vergleich und Abwägung bewähren - ihr Prozessmodus ist wesentlich transversal.

Seit einem Forschungsaufenthalt am Stanford Humanities Center in den Jahren 2000 und 2001 hat Welsch eine neue Gesamtsicht entwickelt, die sich auf ein konsequentes Durchdenken der kosmischen, biologischen und kulturellen Evolution gründet. Ausgangspunkt ist eine Kritik am die Moderne beherrschenden "anthropischen Prinzip", dem zufolge in allem vom Menschen auszugehen und alles auf den Menschen zurückzubeziehen sei. Dieser Denkform wird entgegengehalten, dass der Mensch nicht allein aus sich begriffen werden kann, sondern von seiner Herkunft und Stellung in der Evolution her verstanden werden muss. Diese Konzeption hat weitreichende Konsequenzen insbesondere für Anthropologie, Ontologie und Epistemologie. Sie führt über die für die Moderne bestimmende Annahme einer Kluft zwischen Mensch und Welt hinaus zur Einsicht in die grundsätzliche Welthaftigkeit und Weltverbundenheit des Menschen ("homo mundanus"). Diese Sichtweise wurde von Welsch zum Abschluss seiner akademischen Tätigkeit in einer Reihe von Büchern vorgestellt (Immer nur der Mensch? Entwürfe zu einer anderen Anthropologie 2011, Interdisciplinary Anthropology: Continuing Evolution of Man 2011, Blickwechsel - Neue Wege der Ästhetik 2012, Mensch und Welt - Eine evolutionäre Perspektive der Philosophie 2012), und schließlich am ausführlichsten in seinem opus magnum Homo mundanus - Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne 2012).

Historisch hat sich Welsch vor allem mit Aristoteles (zuletzt: Der Philosoph - Die Gedankenwelt des Aristoteles, 2012) und Hegel befasst (diverse Aufsätze). Beide gelten ihm als beispielgebend für die Gewinnung einer nicht, wie in den Varianten der Moderne üblich, einseitig subjektivistischen, sondern objektiv ausgerichteten Position der Philosophie.

 

Prof. Dr. Wolfgang Welsch erleben Sie in diesem Konzert

Sonntag, 14. Mai 2017
MusikImPuls: Vortrag     16.30     Laeiszhalle, Kleiner Saal
Prof. Dr. Wolfgang Welsch, (Philosoph, Universität Jena/Berlin)
Was Sie schon immer über Musik
wissen wollten, aber bisher nicht
zu hören wagten

„O Freunde, nicht diese Töne!“ – Einführung in die Musikästhetik