Konzerte & Karten
Abo
Neues
Orchester
Education
     Tickets +49 40 357 666 66
Benjamin: „Ringed by the flat horizon“
 

Wenn Pädagogen jungen Menschen Neues nahebringen wollen, sprechen sie gern davon, „Horizonte zu erweitern“. Im Laufe der zurückliegenden Saison, die wir heute Abend gemeinsam in der Laeiszhalle beschließen (es folgen noch fünf Konzerte im Rathaus-Innenhof), sorgten politische und gesellschaftliche Ereignisse jedoch für eine völlig unpädagogische Horizont-Erweiterung: Man konnte sich kaum dagegen wehren, seiner Welt-Wahrnehmung eine neue Richtung zu geben; pädagogische Handreichungen gab es kaum. Hamburg ist anders geworden. Bunter, im wahrsten Sinne Weltstädtischer. (Nur bei einigen verengte sich, als trotzige Gegenbewegung, der Horizont.)

Was will, was kann Musik angesichts dieser Ereignisse? Den Horizont erweitern? Zumindest kann sie unsere Wahrnehmung schulen: Wenn wir, wie seit Beginn dieser Saison mit dem Projekt MusikImPuls, erfahren, was Musik im öffentlichen Raum mit uns macht. Oder auch, wenn wir einfach nur zuhören. Hören – das ist eine zentrale Kulturtechnik, die bei sorgsamer Pflege das Gehirn durchpusten und englisch gesagt „mind-blowing“ sein kann.

Wie der Komponist und Dirigent George Benjamin beschreibt, gab es zwei sinnliche Eindrücke, die ihn zu seinem Werk „Ringed by the flat horizon“ inspirierten. Da war zunächst ein Foto, „eine dramatische Fotografie eines Gewitters über der Wüste New Mexicos“. Die musikalische Entsprechung für einen Blitz könnten die hohen Lagen sein, in denen Benjamin das Werk ansiedelt – ein tiefes Donnergrollen im Bass verweigert er im Laufe des Stückes weitgehend. Zu Beginn stellt er drei Themen vor: Erstens hören wir das Schlagwerk mit Glockenklängen, zweitens Sekundfiguren in den Streichern und Bläsern und drittens einen Donner mit Klavier, Bässen und Pauke, der sich aber schnell wieder verzieht.

Der zweite sinnliche Eindruck war für Benjamin das Gedicht „The waste land“ des britischen Dichters T. S. Eliot. In diesem ist die Rede von Bergen und lilafarbener Luft sowie von vermummten Horden, die sich in landschaftlicher Weite verteilen, umringt nur vom achen Horizont: „Who are those hooded hordes swarming/Over endless plains, stumbling in cracked earth/ Ringed by the flat horizon only/What is the city over the mountains/Cracks and reforms and bursts in the violet air?“

Benjamin, der sich mit dieser Musik gewordenen Landschaftsbeschreibung im Alter von noch nicht einmal 20 Jahren schlagartig einen Namen machte, hatte zuvor bei Olivier Messiaen gelernt. Das hört man – nicht nur bei den markanten hohen Tönen der Holzbläser. Das schillernde Stück endet, so Benjamin, mit einer „gewaltsamen Explosion“, einer „unechten Ruhe“ und den vom Beginn bekannten Glockenklängen.

George Benjamin

* 31. Januar 1960 in London

„Ringed by the flat horizon“

Entstehung  1979/1980
Widmung  Olivier Messiaen
Uraufführung  März 1980
Spieldauer  ca. 20 Minuten