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Ravel: „Alborada del gracioso“

Maurice Ravel

* 7. März 1875 in Ciboure (Frankreich), 28. Dezember 1937 in Paris

„Alborada del gracioso“ aus „Miroirs“

Entstehung: 1905 (für Klavier)
Uraufführung: 1906 (Ricardo Viñes am Klavier)
Orchestrierung: 1906
Spieldauer: ca. 8 Minuten

 

„Traurige Vögel“, „Das Tal der Glocken“, „Nachtfalter“ − schon die Titel der fünf Klavierstücke, die Maurice Ravel 1905 im Zyklus „Miroirs“ (Spiegel) vereinte, sind purer Impressionismus: Momenteindrücke, traurig-behaglich schmeichelnde Naturbilder. Doch dass diese Stilrichtung in der Musik keineswegs nur naturverliebt und simpel-verspielt ist, hören wir bei der „Barke auf dem Ozean“ und in „Alborada del gracioso“ (dem Morgenlied des Narren) – zwei weiteren Stücken der „Miroirs“. Beide sind technisch anspruchsvoll, sowohl für den Pianisten in der Originalfassung als auch für ein Orchester in der Version von 1906.

Dass die Klangfarben so überbordend vielfältig sind, mag daran liegen, dass Ravel hier seiner Spanien-Begeisterung Ausdruck verleiht: So finden nicht nur französisch-impressionistische Vorbilder Eingang ins Werk, sondern auch die traditionellen Klänge und Rhythmen der iberischen Halbinsel. Das erforderliche Schlagwerk ist so umfangreich, dass es die Besetzung manches modernen Orchesterwerkes durchaus übertrifft. Und auch der Bläserapparat ist üppig.

Vielleicht liegt die impressionistische Farbenpracht der „Miroirs“ aber auch an Ravels Witz: Mit viel Humor arbeitet er sich an den spanischen Traditionen ab. Im diesem Morgenlied eines Narren, dem vierten Teil des Zyklus‘, startet der Narr etwas täppisch in den Tag, Pizzicati und feine Harfenklänge kennzeichnen sein Erwachen. Aber er wäre kein Narr, wenn sein Gemütszustand nicht unberechenbar bliebe. Ein plötzliches Auffahren samt Tusch gehört genauso dazu wie ein Grübeln der Holzbläser.

Die „Miroirs“ gelten vielen als Schlüsselwerk in Ravels Schaffen, und dieser vierte Teil ist wohl das anspruchsvollste Stück daraus. Hier haben wir es mit allen möglichen Nuancen zu tun. Dissonanzen sind allgegenwärtig, immer wieder überrascht uns Ravel mit kurzen scharfen Einwürfen. Trotz der Kürze lässt er Düsteres und Strahlendes einander abwechseln und versäumt es nicht, die Hauptthemen immer wieder aufzugreifen.

In der fünften Phase des Reformationsprojekts zur Lutherdekade befassen sich die Hamburger Symphoniker zurzeit mit dem Thema „Nation als Identität“. Was Mussorgsky mit seinen „Bilder einer Ausstellung“ machte – ein Besinnen auf die Sprache und die Folklore Russlands – taten ihm in Frankreich Saint-Saëns und Ravel gleich, die in ihren Werken mit französischen Traditionen experimentierten. Schließlich kann auch die Tonsprache eine Muttersprache sein.