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Bernstein: „Candide“

Die Ouvertüre zu Leonard Bernsteins Candide ereilte das für diese Gattung typische Schicksal. Erdacht als Einleitung, als Horsd’œuvre zu einer üppigen, komplexen und an Geschmäckern überwältigenden Musikspeise, wurde sie hauptsächlich als Extrakt missbraucht. Klar, sie macht Spaß, sie enthält in nuce die Besonderheiten und Ohrwürmer dieser »Comic Operetta«. Und doch ist sie eben nur ein Teil des Ganzen. Sie macht für sich genommen aus einem philosophisch reichhaltigen Werk einen melodisch-reißerischen Schnelldurchlauf. Wie ein werbender Trailer für einen Kino lm.

Und doch ist die Ouvertüre natürlich schon eine Fundgrube. Was hören wir? Da sind verschiedene Tänze – so wie die Haupt gur Candide durch die ganze Welt reist, begibt sich Bernstein in der Musikgeschichte auf die Suche nach verschiedenen Stilen. Walzer, Mazurka, Polka und die Gavotte aus der Barocksuite sind also genauso Bestandteil der Partitur wie Bezüge zu historischen Opernformen. Ist Candide also eine Oper? »Comic Operetta« hat sich als Gattungsbezeichnung durchgesetzt. Allerdings ist auch die Operette im Stile Offenbachs nicht weit. Und die Anforderungen an die Sängersolisten – etwa an Cunegonde mit ihrer berühmten Arie »Glitter and be gay« – sind kaum weniger hoch als auf einer Opernbühne. Bernsteins Instrumentation steht zudem der eines spätromantischen symphonischen Werkes in nichts nach.

Der amerikanische Komponist und Dirigent mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln machte es sich so gewissermaßen selbst schwer. Denn die wechselvolle Geschichte seines Werkes verdeutlicht, dass das Publikum vermutlich eine eindeutige, bequeme Schubladen-Einordnung vermisste. Die New Yorker Uraufführung als Operette war 1956 ein Misserfolg, es folgten zahlreiche Umarbeitungen. Eine Musical-Fassung wurde von 1974 an am Broadway gefeiert, eine deutsche Fassung war zwei Jahre später in Wien zu erleben. Doch noch 1988 legte Bernstein eine letzte Bearbeitung vor. Sein unbestreitbarer Verdienst war letztlich, das amerikanische Musical zu ungeahnten Höhen empor gehoben zu haben. Candide ist eine wegweisende Erneuerung des Musiktheaters. Dass Bernstein dies mit Hilfe der europäischen Musiktraditionen gelang, ist sein Erfolgsgeheimnis.

Man könnte sagen, Bernstein setzte sich über Normen hinweg. Seine Auftritte am Dirigentenpult ließen keine Zweifel: Man hatte es mit einem Musikgenie zu tun, mit einem musikalischen Individualisten im besten Sinne. Und was tut Candide als Figur anderes? Sein Lebensweg erzählt von der Emanzipation. Als junger Mann glaubt er: Die Welt ist gut, Gottes Wille sorgt immer für das Richtige. Nicht zufällig bedeutet »candidus« auf Latein hell, weiß, rein. Auf seiner wirren und desillusionierenden Irrfahrt durch die Welt lernt Candide jedoch das Gegenteil kennen und weiß am Schluss: »Wir sind weder Engel noch Weise noch Heilige. Wir wollen nach bestem Wissen handeln.« Eine realistische Sicht auf das Individuum ist dies, frei von normiertem Überbau. Doch auch nicht völlig frei von Bitterkeit.

Diese Ambivalenz ist kein Zufall. Bernsteins Comic Operetta Candide beruht auf dem satirischen Roman Candide oder der Optimismus des französischen Schriftstellers, Dichters und Aufklärungsphilosophen Voltaire – für Goethe »der höchste unter den Franzosen denkbare, der französischen Nation gemäßeste Schriftsteller«. Voltaire stellt sich in seinem (sicherheitshalber unter Pseudonym veröffentlichten) Roman bitterironisch gegen selbstzufriedene und behaglich im Leben eingerichtete weltliche und geistliche Autoritäten. Und ganz direkt gegen seinen Kollegen Gottfried Wilhelm Leibniz, der die Ansicht vertrat, alles, was der Schöpfer schaffe, sei gut. Eine Ansicht, der Voltaire überhaupt nichts abgewinnen konnte. Schließlich gab es massenweise Armut, Unglück, Gewalt, Krieg und Krankheiten; außerdem massiv einschneidende »Weltereignisse« (Johann Wolfgang von Goethe) wie etwa das Erdbeben in Lissabon am 1. November 1755, wo am Allerheiligentag zehntausende Menschen während der Gottesdienste umkamen, oder wenige Jahrzehnte später die Französische Revolution. Diese blutigen Geschehnisse erschütterten Europa mitten im Zeitalter der Aufklärung und ließen die Theorie, wir lebten in der »besten aller möglichen Welten«, zerplatzen wie eine Seifenblase unter einem Mühlstein. Ähnlich wie Luther sich kritisch mit dem Pessimismus seiner Zeitgenossen auseinandergesetzt und durch den direkten Gottesbezug jedes gläubigen Christen einen unumkehrbaren theologischen Umbruch in Gang gesetzt hatte, schlugen diese »Weltereignisse« Wellen im geistigen und politischen Europa. Keine Frage, dass Voltaires Roman schnell verboten wurde.

In Deutschland bewirkten die Kant-Rezeption und die revolutionären Umwälzungen in Frankreich eine intellektuelle Supernova, die der Ausbreitung von Luthers reformatorischer Ideen im 16. Jahrhundert glich und die Grundlage für die nationalstaatliche Bewegung im 19. Jahrhundert schuf. Das entstehende Bürgertum übersetzte den lutherisch metaphysischen Optimismus ins Säkulare: Die Nation wird mit der eigenen Sprache und Geschichte identifiziert, die zu erlangende staatliche Souveränität mit dem subjektiven Freiheitsstreben gleichgesetzt.

Seit 2012 befassen sich die Hamburger Symphoniker in ihrem Reformationsprojekt zur Lutherdekade mit den Folgen von Luthers Wirken. (Das Projekt wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.) Mit diesem Konzert widmen sich die Hamburger Symphoniker einem Werk, in dem diese geistigen und politischen spannungsgeladenen Emanzipationsbewegungen reflektiert werden. So beleuchtet das Projekt die »politische« Reformation Europas – die freilich nicht immer und nicht überall in einem neuen Paradies auf Erden mündete. Ob der Wunsch, den eigenen Garten selbst zu bestellen, immer gleich zur besten aller möglichen Welten führt, bleibt zu bezweifeln.