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Reformationsprojekt
 
„Hier bin ich Mensch!“ – Unser Reformationsprojekt zur Lutherdekade

Martin Luthers legendenumrankter Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ enthält in nuce die Quintessenz des Humanismus. Ebenso wie die Reformation stellt dieser die Emanzipation und Freiheit des Menschen ins Zentrum. Und ebenso wie Luthers radikale Theologie der „Freiheit des Christenmenschen“ ist der Humanismus durchaus dialektisch geprägt: In der Renaissance gingen die ersten humanistischen Denker zurück zu den Ursprüngen, zu alten originalen Schriften, um das Ideal eines an Tugend und Wissen orientierten freien Menschen zu formulieren. Die Abneigung Luthers gegen alles Römische wirkte über Jahrhunderte auf die humanistische Kultur in Deutschland: Noch in Richard Strauss’ Vorliebe für griechische Stoffe sind Nachwehen der Abgrenzung von Rom erkennbar. Und wie die Reformatoren engagierten sich die Humanisten für eine ganzheitliche Bildung – die bis heute (noch) unser Schulund Universitätssystem prägt.

Seit 2012 befassen sich die Hamburger Symphoniker ihrem Selbstverständnis entsprechend als „denkendes Orchester“ mit Martin Luthers Reformation und ihren Folgen. Fünf Phasen prägten bislang die Arbeit: „Die vorreformatorische Gedankenwelt“, „Reformation als geistige Wende“, „Reformation als Grundlage der Moderne“, „Volkes Stimme“ und „Nation als Identität“. Mit ungewöhnlichen Konzerten, Symposien und Diskussionen hat das Projekt erheblich dazu beigetragen, die Dimension der theologischen, philosophischen und ästhetischen Verschiebungen, die mit der Reformation einhergingen, intellektuell und sinnlich erfahrbar zu machen. Das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags geförderte Projekt steuert nun auf seinen Höhepunkt zu und endet am 31. Oktober 2017 zum 500. Jubiläum von Luthers Thesenanschlag.

In der sechsten und letzten Projektphase mit dem Titel „Hier bin ich Mensch!“ befassen sich die Hamburger Symphoniker mit den Verbindungen zwischen Reformation und Humanismus. Beide haben den Raum geschaffen für die neuzeitliche Emanzipation und Selbstbestimmung des Einzelnen, für die Entwicklung von Menschenund Bürgerrechten. Insbesondere in der durch Reformation, Aufklärung und Kant-Rezeption befeuerten deutschen Klassik, aber auch in der Romantik rückt die freie Entfaltung des Menschen ins Zentrum aller intellektuellen und künstlerischen Re exionen. Als gemeinsames Credo von Reformation und Humanismus kann man Goethes berühmten, an Luther erinnernden Satz „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ deuten. Ihn spricht Faust während seines Osterspaziergangs, in dem sich Naturbilder wiedererwachenden Lebens, Volksfestimpressionen, österliche Auferstehungsmetaphorik und humanistisches Bildungsstreben zu einem idealistischen Menschenbild mischen: „Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.“ Per aspera ad astra also, aus dem Finsteren zum Licht. Dies beschreibt die optimistische Selbstfindung eines jeden von uns, für die die symphonische Musik spätestens seit Beethoven modellhaft ist.

Mit mehreren Konzerten nehmen die Hamburger Symphoniker Bezug darauf. Drei Beispiele: Beethovens monumentale Missa solemnis (am 17. Januar 2017 in der Elbphilharmonie) ist neben Bachs h-Moll-Messe die bedeutendste, jeden liturgischen Rahmen sprengende Messvertonung im deutschsprachigen Raum. Es handelt sich nicht nur um ein persönliches Bekenntniswerk; vielmehr übersetzt sie ein durch Aufklärung und Humanismus geläutertes Gottesverständnis in ein klangliches Geschehen. Thomas Adès’ nahezu 200 Jahre später entstandener „Totentanz“ (zum Saisonstart) widmet sich dem Grundkonflikt des Menschen zwischen den griechischen Göttern Eros und Thanatos. Und Richard Strauss lässt seine Salome (im 7. Symphoniekonzert) überaus sinnlich gegen religiöse Normen aufbegehren.

Die Hamburger Symphoniker danken der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für die Unterstützung des Projekts.


Intendant Daniel Kühnel