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Tolstoi: Die Kreutzersonate

Opus eins. Das lässt aufhorchen: Wie startete Beethoven seine Komponistenkarriere? Aus welchem Kern entwickelte sich alles? Drei Klaviertrios, die in den Vorjahren entstanden waren, legte er mit Mitte 20 unter dieser mythenumwobenen Werknummer im Wien des Jahres 1795 vor. Dreimal Beethovens Keimzelle also. Dreimal der Startschuss eines Jahrhundertgenies.

Doch vor allem das dritte Klaviertrio aus dieser Reihe hat die Zeiten überdauert. Schon die formale Anlage war neu: Vier Sätze – das war man eher von Streichquartetten gewohnt. Und zudem alle nicht eben kurz, alle mit eigenem Charakter, eigener Ausdruckskraft. Offenbar sprach sich die Qualität schnell herum, auch in anderen Großstädten Europas wurde das Werk bald nachgedruckt. Hatte die Musikwelt darauf gewartet?

Schon in diesem opus ist er enthalten, der Beethovensound. Schon die ersten Takte vereinen unnachahmlich seinen Ernst (eher schwere Dreiklangsfiguren) mit Elementen der Frühromantik (sanfte Violinenklänge in hoher Lage), welche Beethoven in den Folgejahren mit der Wiener Klassik gekonnt verbinden sollte. Aus diesem ersten Motiv (der aufsteigende punktierte gebrochene Dreiklang) entwickelt sich dann das Weitere. Und wohl nicht zufällig ist die Grundtonart die der späteren „Schicksals-”, der fünften Symphonie: c-Moll.

Auch das folgende Andante gibt einen Ausblick auf den späteren Beethoven, indem es eine Variationenreihe präsentiert. Ein schönes Lied, das auch von Schubert stammen könnte, liegt den fünf Variationen zugrunde. Und der dritte Satz, ein als Menuett getarntes Scherzo stellt – auch das ist üblich für Beethoven – scharfe Kontraste gegeneinander. Darin eingebettet finden wir noch ein eigenwilliges Trio. Und mit einem Finale, das den ernsten Gestus des ersten Satzes aufgreift, schließt das Werk. Das gewichtige Motiv der Einleitung begegnet uns hier immer wieder. Allerdings lockert ein kleiner Hymnus die Stimmung auf. Und zum Schluss landen wir – zwar leise, aber deutlich hörbar – im versöhnlichen C-Dur.

Die Kombination von Musik und anderen Kunstformen hat bei den Hamburger Symphonikern Tradion. Und mitunter nehmen etwa Musik und Literatur dabei sogar direkt aufeinander Bezug – etwa in Beethovens und Tolstois „Kreutzersonaten”.

In einer Zeit vor Erfindung des Smartphones haben sich Zugreisende noch unterhalten. So auch in Tolstois 1889 vollendeter Novelle „Die Kreutzersonate”: Die Reisenden debattieren, ob eine gelungene Ehe der Liebe als Grundvoraussetzung bedarf. Ob der Mann das Sagen haben solle. Oder ob die Gleichberechtigung das eheliche Glück fördert.

Posdnyschew, der sich spät ins Gespräch einschaltet, erzählt dann seine Geschichte: Wie er nach einigen wilden Jahren heiratet, wie er seine Frau begehrt, mit ihr fünf Kinder bekommt, und wie sich dann plötzlich herausstellt, dass sie keinen Nachwuchs mehr zur Welt bringen kann. Für Posdnyschew bricht eine Welt zusammen, ihm erscheint es nun sittenlos, mit seiner Frau das Bett zu teilen. Diese wendet sich der Musik zu, spielt mit einem Geiger Beethovens „Kreutzersonate”, so dass Podnyschew eifersüchtig wird und sie ermordet.

Dieses Werk, auf das sich Tolstoi bezieht, schrieb Beethoven 1803 innerhalb „kürzester Frist”. 1805 widmete er es dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer – obwohl es der junge George Bridgetower uraufgeführt hatte.

Bemerkenswert ist, wie Violine und Klavier zu Beginn zueinanderfinden. Die Geige spielt mehrstimmig, das Klavier antwortet noch verhalten. Dann nähern sich beide an, und es ergibt sich ein ottes Wechselspiel mit einem markanten Motiv aus Stakkato-Vierteln. Der erste Satz endet virtuos. Und das folgende Andante hält in eher zarter Grundstimmung (wie auch das Klaviertrio) fünf Variationen bereit, basierend auf einer kleinen Salonmelodie samt hübschen Klaviertrillern. Das abschließende Presto sorgt dann für einen rasanten Abschluss voller Feuer.

Die Dimensionen dieser Sonate sind gewissermaßen abendfüllend. Oft wurde sie als Gegenstück zur ebenfalls 1803 geschriebenen und nur rund 15 Minuten längeren 3. „Eroica”-Symphonie gesehen. Ein Konzert – reduziert auf zwei Instrumente. Und technisch so herausfordernd, dass Rodolphe Kreutzer das Werk gar nicht selbst gespielt haben soll.

Text von: Olaf Dittmann