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Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1

Dmitri Schostakowitsch

25. September 1906 in St. Petersburg, † 9. August 1975 in Moskau

Violinkonzert Nr. 1 a-Moll Op. 77

Entstehung: 1947/1948, rev. 1955
Uraufführung: 29. Oktober 1955 in Leningrad
Widmung: David F. Oistrach
Spieldauer: Ca. 10 Minuten

 

Als Dmitri Schostakowitsch im März 1948 sein 1. Violinkonzert vollendete, waren die Voraussetzungen für eine Aufführung auf einmal schlechter denn je. In einem Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU vom 10. Februar heißt es: „Die formalistische Richtung in der Sowjetmusik wird als volksfeindlich und in der Praxis zur Liquidierung der Musik führend verurteilt.“ Verlangt wurde eine Wiederbesinnung auf die „besten Traditionen“ sowie auf den „Kunstgeschmack des Volkes“. Dies richtete sich (neben Prokofjew und Chatschaturjan) gezielt gegen Schostakowitsch: Er verlor seine Professuren in Moskau und Leningrad und wurde aus dem Komponistenverband gedrängt. Erst der Tod Stalins veränderte das politische Klima, so dass David Oistrach das Konzert sieben Jahre später uraufführen konnte.

Im langsamen Tempo verbreitet das Nocturne eine lyrisch eingefärbte, schwermütige Stimmung von kammermusikalischer Intimität. Das Soloinstrument erhebt seine einsame Klage vor dunklen Streicherklängen, der in den Celli und Kontrabässen erklingende erste Gedanke wird traumhaft von Celesta und Harfe aufgegriffen. Oistrach sprach von einem „eigenartigen Prolog als Grübeln über kommende Ereignisse“.

Das folgende Scherzo stellt nicht nur wegen des schnellen Tempos enorme Ansprüche an die technische Versiertheit des Interpreten. Es verbindet auf unkonventionelle Weise die Sonatensatzform mit der dreiteiligen A-B-A-Form und schlägt den für Schostakowitsch typischen grotesken Ton an: Schnelle Läufe, atemberaubende Akkordkaskaden und wilde Rhythmik prägen diesen skurrilen, dämonischen Tanz. Schostakowitsch verarbeitet ein jüdisches Thema und umkreist wie in der 10. Symphonie immer wieder seine Initialen in Form des D-Es-C-H-Motivs. So lässt sich der Satz auch als ein Ringen des Künstlers mit der eigenen Identität vor dem Hintergrund staatlicher Unterdrückung deuten.

Der Titel Passacaglia bezeichnet das barocke Modell, das dem anschließenden Satz zugrunde liegt: Wie ein unerbittliches Fatum wird das Bass-Motiv fortwährend wiederholt. Voller Pathos und durch scharfe Sekundreibungen eindringlich ausgestaltet spiegelt sich in der Auseinandersetzung zwischen Violine und Orchester der Konflikt von Individuum und Kollektiv. Unermüdlich stemmt sich der Solist gegen das vermeintlich übermächtige Schicksal, bis er sein Spiel in einer meditativen Kadenz münden lässt.

Das Finale bildet eine ausgelassene Burlesca, in die rhythmische und melodische Impulse russisch-slawischer Volksmusik eingeflossen sind. Im wilden Tanztaumel, der vom Violinisten noch einmal imposante Grifftechniken und schnelles Skalenspiel verlangt, rast sie dem Höhepunkt entgegen.