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Das 2. Kammerkonzert

Das 2013 von den Streicherstimmführern der Hamburger Symphoniker gegründete Laeisz-Quartett möchte eine langlebige Tradition begründen: Die hier entwickelte gemeinsame Spielkultur entspricht der des ganzen Orchesters – eine Spielkultur voller Hingabe.

Ausgelöst durch einen Generationsumbruch bei den Hamburger Symphonikern konnten in den letzten Jahren herausragende Künstlerpersönlichkeiten als Konzertmeister der Streicherstimmgruppen gewonnen werden. Über den Orchesterdienst und die solistischen Verpfichtungen des Einzelnen hinaus fanden sich vier Ausnahmemusiker zu einem Streichquartett zusammen: Adrian Iliescu (1. Violine), Satoko Koike (2. Violine), Bruno Merse (Viola) und Arne-Christian Pelz (Violoncello). Seither spielt das Laeisz-Quartett mit stetig wachsendem Repertoire klassische Konzertabende, 
aber auch selbst arrangierte Musik aus den Bereichen Jazz, Tango, Weltmusik und Pop.

Der Untertitel von Joseph Haydns Streichquartett in C-Dur liegt auf der Hand.
 Die Violine zwitschert und tiriliert so fröhlich, dass dieses wohl beliebteste von Haydns sechs „Russischen Quartetten“ gar nicht anders als „Vogel-Quartett“ heißen kann. Zwei Themen präsentiert uns der Österreicher im Allegro moderato; in beiden hören wir die Vogelstimmen. Haydns Lust an Naturvertonung ist hier deutlich spürbar. Das folgende Scherzo Allegretto schlägt einen ersteren Ton an. Doch schon bald trillern die Violinen wieder vor sich hin, als hätten wir Anfang Mai. Und niemand anders als der Kuckuck läutet das abschließende Presto ein, das ausgelassen und spielerischott dieses lebhafte Quartett beschließt.

Ganz anders der Charakter von Dmitri Schostakowitsch‘ 8. Streichquartett, das mit seinen fünf ineinander übergehenden Teilen keinesfalls Naturimitationen bietet, sondern komplett geistig durchwirkt zu sein scheint. Schostakowitsch hielt sich 1960 im noch vom Krieg gezeichneten Dresden auf; entsprechend wurde das Werk mit dem Zusatz „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ veröffentlicht. Allerdings stammten diese Worte wohl nicht vom Komponisten selbst. Denn in einem an seinen Freund Issak Glikman adressierten Brief, der erst Jahrzehnte später öffentlich wurde, schreibt er: „... ich [habe] ein niemandem nützendes und ideologisch verwer iches Quartett geschrieben. Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. [...] Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts.“

Und so markiert das Werk genau die Spannung zwischen Regimezwang und individueller Freiheit, in dem sich Schostakowitsch selbst befand. Zu Beginn lässt er sein Kürzel D-S-C-H erklingen und greift dann auf eigene Motiv-Zitate sowie auch auf Tschaikowskys 6. Symphonie zurück. Was die Kulturaufseher wohl übersahen, war die in diesen Zitaten enthaltene Auseinandersetzung mit seiner leidvollen musikalischpolitischen Biografie.

Franz Schuberts 1824 entstandenes Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ verweist auf den in der Kulturgeschichte wohl krassesten Gegensatz: Hier das junge Mädchen, das wohl bald als junge Frau Leben schenken wird. Und da der alte Sensenmann, der das Leben nimmt. Der Titel basiert indirekt auf einem gleichnamigen Gedicht von Matthias Claudius. 1817 vertonte Schubert diese Verse als Lied und nutzte eine Melodie daraus dann für den zweiten Satz seines Quartetts. Bemerkenswert ist, dass Claudius den Tod nicht nur als bedrohlich schilderte. Zwar ruft das Mädchen: „Geh, wilder Knochenmann!“. Doch dieser entgegnet: „Bin Freund und komme nicht zu strafen.“ Seine Aufforderung zur Hingabe ist geradezu zärtlich: „Sollst sanft in meinen Armen schlafen.“

Man sollte zwar nicht den Fehler machen, Schuberts Quartett als Eins-zu-eins-Vertonung von Claudius‘ Gedicht zu hören. Was dennoch auffällt, ist die düstere bis trotzige Grundstimmung. Bereits in der Einleitung tritt ein kleines, aber markantes Motiv auf, das für die weitere Satzentwicklung wegweisend ist: Eine Triole, die in Sekundschritten abwärts führt. Die erste Violine nimmt sich sodann ein energisch-dunkles Thema mit vielen halben Noten und ohne große Intervalle vor, das vor allem mit seiner ausgeklügelten Dynamik Eindruck macht. Im Pianissimo erklingt etwas später ein zweites sanfteres, helleres Thema. Wer mag, kann beide Themen als „Tod“ und „Mädchen“ hören.

Das folgende Andante con moto vertont die Stimme des Todes in fünf Variationen – eine sanfte, verständnisvolle Stimme. Im Scherzo dann wieder das Aufbäumen: Das Mädchen will nicht sterben, sondern tanzen. Doch der Tanz ist scharf, gar nicht geschmeidig, eher trotzig. Und im letzten Satz beherrschen endgültig die dunklen Mächte das musikalische Geschehen. Kurz wird es sanfter, dann aber wieder gehetzt, das ruhelose Hauptthema in d-Moll hält uns während dieses gesamten Prestos in Atem.

Olaf Dittman