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Das 8. Kammerkonzert

In seinem 1906 erschienenen ersten Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ beschreibt Robert Musil die düster-sadistischen Spiele von Internatsschülern in Österreich-Ungarn. Törleß und andere erpressen und missbrauchen einen Mitschüler, den sie bei Stehlen erwischt haben. Törleß ist zwar eher ein nüchterner Beobachter als ein Sadist, dennoch ist auch er durchdrungen vom seelenkalten Geist am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Was eine in ihren autoritären Strukturen erstarrte Gesellschaft aus Pubertierenden macht, lässt sich hier en detail nachvollziehen. Statt gegen die Verhältnisse zu revoltieren, setzen die Jungen die unheilvolle Tradition der Ausbeutung und Entwertung fort.

Ist künstlerische Betätigung ein Ausweg? Die Lebensgeschichten der Komponisten, die heute Abend im Mittelpunkt stehen, legen dies nahe. Alle gingen in jungen Jahren ihre eigenen Wege und schufen Beeindruckendes, weil Offenes und keineswegs Autoritär-Kleingeistiges.

Gerade 18 Jahre alt war Benjamin Britten, als er seine Fantasie in f-Moll für Streichquintett komponierte, nicht zu verwechseln mit seiner ebenfalls kammermusikalischen Fantasie op. 2 samt Oboe. Er studierte Klavier und Komposition am renommierten Royal College of Music in London und ließ das Werk im Juli 1932 dort auch von einem Studentenensemble uraufführen. Ein frühes Werk – und eines der erfolgreichsten aus seiner Studentenzeit: Mit ihm gewann Britten den Cobbett Prize für Kammermusik des Colleges und erhielt dafür 18 Guinee-Münzen, mit denen der Musikbegeisterte laut der Legende sogleich Noten von William Walton und Manuel de Falla erwarb. Und bereits ein halbes Jahr später war die Fantasie das erste Werk Brittens, das von der BBC übertragen wurde.

Das einsätzige, dadurch aber nicht eintönige, etwa elf Minuten lange Stück wird von einer Cello-Melodie eröffnet. Britten gilt als ein eher konservativer Komponist des „modernen“ 20. Jahrhunderts; ihm lag Henri Purcell näher als die Zweite Wiener Schule. Entsprechend wenig fordernd für die Moderne ungewohnte Ohren ist diese Fantasie. Wir bewegen uns im tonalen Raum von f-Moll und C-Dur, der Melodiereichtum verströmt mitunter eine sanfte Wärme. Der Gesamteindruck ist sehr lyrisch.

Dass Brittens Jugend nicht den Zwängen einer Törleß-Jugend ausgesetzt war, zeigt sein Entschluss, 1939 als noch junger Mann seine Heimat zu verlassen und in die USA zu gehen. Der erklärte Pazifist wandte dem kriegerischen Europa den Rücken, kehrte zwar 1942 nach England zurück, doch erkämpfte sich das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Sein musikalisches Mahnmal gegen den Krieg, das 1962 uraufgeführte „War Requiem“, gilt als eines der bedeutendsten Chorwerke des Jahrhunderts.

Der Weg von Musils Roman zu Hans Werner Henzes Fantasia für Streichsextett „Der junge Törless“ führt über einen Umweg in eine dritte Kunstform. 1966 schuf der Filmregisseur Volker Schlöndorff eine Adaption, in der der junge Mathieu Carrière die Titelfigur verkörperte. Und für seine düsteren Schwarzweißbilder, die gegenüber der Romanvorlage ihren ganz eigenen Ausdruck finden, wünschte sich Schlöndorff die passende Musik. Henze blieb hinter den Erwartungen nicht zurück. Auch seine Fantasia, zu der er später die Filmmusik umarbeitete und deren Besetzung mit drei Violinen, zwei Bratschen und einem Cello eher ungewöhnlich ist, beinhaltet indirekt noch die bedrückende Atmosphäre des Romans.

Henze, den seine politisch linke Einstellung in den 1960er Jahren in Kontakt mit Schlöndorff und anderen Regisseuren des Jungen Deutschen Films brachte, war nicht nur ein Pazifist wie Britten, sondern auch ein Kommunist. Die Jugendzeit des 1926 Geborenen muss man sich als äußerst streng vorstellen; sein Vater verachtete ihn offenbar nicht nur aufgrund seiner Homosexualität. Und für die (vergleichsweise kurze) Mitgliedschaft bei der Wehrmacht fühlte sich Henze zeitlebens schuldig. Bezeichnend für sein Engagement ist das Lebensende dieses kaum hoch genug zu schätzenden Komponisten: Kurz vor seinem Tod im Oktober 2012 erlebte er in Dresden noch die Uraufführung seiner Oper „Wir erreichen den Fluss – We come to the river“, in der er sich deutlich gegen jegliche Form von Krieg und Gewalt aussprach.

Nicht weniger als 20 Streichquartette soll Johannes Brahms in seinen Jugendjahren geschrieben – und dann sämtlich vernichtet haben. Erst das Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18 war 1860 also sein offizieller Start ins kammermusikalische Schaffen, für das er ja noch heute so geschätzt wird. Und doch hatte er seine jugendliche Frische noch keineswegs verloren. Vielleicht lag es an den Umständen zur Zeit der Komposition? Eigentlich war es um den Künstler Brahms nicht zum besten gestellt, sein erstes Klavierkonzert war einige Jahre zuvor durchgefallen. Doch 1860 verbrachte er mit dem Geiger Joseph Joachim einen wunderschönen Frühling im Rheintal. Und dieses rund 40 Minuten dauernde, lebensfrohe Sextett markiert neben dem Deutschen Requiem den Wendepunkt. Fortan konnte er sich der Zuneigung des Publikums weitgehend sicher sein.

Brahms hat hier die Besetzung eines üblichen Streichtrios verdoppelt: Je zwei Violinen, Bratschen und Celli sorgen für einen fülligen Klang. Wie bei Britten stellt das erste Cello im Allegro das ruhige, gesangliche erste Thema vor – Joseph Joachim soll diese Instrumentation angeregt haben. Es folgen zwei nicht weniger schmeichelnde Gedanken, und die Verarbeitung derselben geht dann ihren Gang. Das Andante in d-Moll beinhaltet ein Thema mitsamt sechs Variationen, die uns vorübergehend auch nach D-Dur führen. Als drittes dann das Scherzo, das mit einem kraftvollen, tänzerischen Thema beginnt und ein wahrlich spritziges Trio bereithält. Im Finale stellt uns wieder das erste Cello das Ausgangsthema vor. Wie schon zuvor nutzt Brahms auch in diesem Rondo musikalische Vorbilder aus der Volksmusik. Allerdings belässt er es nicht bei den einfachen Formen, sondern entwickelt diese Themen immer weiter. Das Werk endet im flotten Tempo.

Von der Melancholie des späten Brahms ist hier noch genauso wenig zu hören wie von der kaltherzigen Törleß-Welt.

Olaf Dittmann