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Berg: Violinkonzert

Alban Berg

* 9. Februar 1885 in Wien, † 24. Dezember 1935 in Wien

Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“

Entstehung: 1935
Uraufführung: 1936 beim Musikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Barcelona mit Louis Krasner unter Hermann Scherchen
Spieldauer: ca. 25 Minuten

 

Als Alban Berg im Februar 1935 von dem amerikanischen Geiger Louis Krasner den Auftrag zur Komposition eines Violinkonzerts bekommt, ahnt er nicht, dass dieses Werk zu einem Requiem im doppelten Sinn werden soll.

Zwei Monate später stirbt die 18-jährige Manon Gropius, Tochter Alma Mahler-Werfels aus ihrer zweiten Ehe mit dem Architekten Walter Gropius, an Kinderlähmung. Tief bewegt durch den Tod der Tochter ihrer gemeinsamen engen Freundin schreibt Alban Bergs Frau Helene kurz darauf an Alma: „Ewig geliebtes Almschi! Mutzi war nicht nur euer Kind — sie war auch meines. Wir wollen nicht klagen, dass Gott sie zu sich zurückgerufen hat, denn sie war ein Engel.“ Alban Berg selbst ringt gegenüber der trauernden Mutter mit den Worten und lässt sie wissen, dass „aus einer Partitur, die dem Andenken eines Engels geweiht sein wird, das erklingen (mag), was ich fühle und wofür ich heute keinen Ausdruck finde“. Bis Mitte August desselben Jahres beendet er in „fieberhaften Tempo“ die Arbeit an dem Konzert. Nur wenige Monate danach, am 17. Dezember 1935, stirbt er selbst überraschenderweise an den Folgen einer Blutvergiftung. Das Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ erscheint so rückwirkend als sein eigener Schwanengesang.

Die Grundlage seiner Komposition bildet eine Zwölftonreihe, also eine bestimmte Anordnung aller zwölf Töne der Oktave. Aus dieser Reihe gewinnt Berg die Spielfiguren des Soloinstruments — welches im ganzen Werk mit Manon identifiziert werden kann –, indem er sie rückwärts liest, Intervalle umkehrt oder Töne auslässt. Um den Ansprüchen eines Solokonzertes für Geige gerecht werden zu können, formt Alban Berg die Zwölftonreihe so, dass sie die Duroder Mollakkorde der Violinsaiten (g-Moll, D-Dur, a-Moll, E-Dur) enthält. Im Gegensatz zur rein atonalen Musik eines Schönbergs lässt Berg in seiner Komposition also tonale Anklänge zu. So thematisiert sein Werk auf der Ebene des musikalischen Materials die Thematik von Leben und Tod als Auseinandersetzung zwischen traditioneller Harmonik und ihrer Auflösung.

Die metaphysische Dimension findet sich aber auch in der formalen Gestalt des Werkes, denn die Zweiteiligkeit erfüllt eben nicht die traditionelle Dreisätzigkeit eines Solokonzerts und spiegelt gleichsam das abrupte Ende eines jungen Lebens wider. Da jedoch beide Sätze wiederum zweigeteilt und die vier Abschnitte (Andante — Allegretto, Allegro — Adagio) musikalisch sehr unterschiedlich und kontrastreich gestaltet sind, zeigt sich hinter dem vordergründigen Aufbau eine symphonische Viersätzigkeit.

Nach eigenem Bekunden hat Berg in dem ersten Teil Wesenszüge des Mädchens in musikalische Charaktere übersetzt, als eine „Vision des lieblichen Mädchens“, wie Willi Reich meint. Das lyrische Andante, welches von einem verträumten Präludium eingeleitet wird, breitet mit Vortragsbezeichnungen wie „espressivo“, „delicato“ und „grazioso“ eine ernste Stimmung aus, die im heiteren Allegretto mit Charakteren wie „scherzando“, „wienerisch“ und „rustico“ kontrastiert wird.

Während das Andante improvisatorischen Charakter hat und der Violine Raum für solistische Entfaltung gibt, ist das Allegretto um zwei Trio-Abschnitte gruppiert, deren erster wiederholt wird. Am Ende des ersten Satzes wird als eine Art pastorales Element ein Ländler, die Kärntner Volksweise „Ein Vogerl auf’m Zwetschgenbaum“‚ zitiert. So scheinen die sehr differenziert und symmetrisch aufgebauten Teile das Leben des jungen Mädchens zu durchmessen.

Im zweiten Satz werden dem gegenüber Manons Krankheit und Tod thematisiert. Während im ersten Satz Soloinstrument und Orchester gleichermaßen an der thematischen Entwicklung beteiligt sind, löst sich nun die Violine in dem kadenzartigen Allegro aus der Auseinandersetzung zwischen Soloinstrument und Orchestertutti. Auf dem Höhepunkt wird im Orchester ein neuntöniger Akkord im Fortissimo gespielt, der die lähmende Erkrankung als hereinbrechende Katastrophe verdeutlicht. Das folgende, erlösende Adagio wird subtil von der Solovioline antizipiert.

Für diesen klagenden Teil hat Berg nicht nur die Melodie als Hauptthema, sondern auch teilweise den Tonsatz des Bachchorals „Es ist genug“ aus der Kantate Nr. 60 „O Ewigkeit, du Donnerwort“ verwendet. Der Choraltext liest sich wie ein Programm des Konzertfinales, in dem Berg die Bachschen Harmonien mit dissonanten Klängen kontrastiert: „Es ist genug! Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus. Mein Jesus kommt: nun gute Nacht, o Welt! Ich fahr’ ins Himmelshaus. Ich fahre sicher hin mit Frieden, mein großer Jammer bleibt darnieden. Es ist genug.“

In der Coda löst sich die Choralmelodie auf, die Solovioline verliert sich wie eine Reminiszenz an den Anfang des Werkes in aufsteigenden Reihen und verklingt. Über diesen Schluss, der an das Finale von Mahlers „Das Lied von der Erde“ erinnert, schreibt Theodor W. Adorno: „Der Abschied jedoch, von dem die Musik tönt, scheint der von der Welt, Traum und Kindheit selbst zu sein.“

Text: Nils Szczepanski