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„Zauber der Jugend“

Der Text des Programmhefts zum 5. Kammerkonzert

Wenn Violine und Klavier zusammen finden, präsentiert sich die Kammermusik in Form eines ihrer höchsten Ideale: Ein Duo im Zwiegespräch. Und es ist kein Bruch der Harmonie, wenn beide dabei miteinander ringen.

Wer die Oberhand gewinnt, änderte sich im Laufe der Zeit. Die Komponisten deuteten meist in den Werk-Untertiteln auf die kleinen, feinen Unterschiede hin: So ist eine „Sonate für Klavier und Violine“ eben etwas anderes als eine „Sonate für Violine und Klavier“. Im ersten Fall sind wir eher bei Haydn; im zweiten bei Mozart und Beethoven. Schumann und Strauss hoben in den Werken, die wir heute Abend hören, zumindest im Titel die Violine heraus; Schubert hingegen das Klavier.

Natürlich entwickelt sich zwischen den kammermusikalischen Partnern dabei kein Wettkampf um die Rolle als Rampen-Star – lediglich einer, der den gemeinsamen musikalischen Zielen dient. Aber die Solisten des heutigen Abends hätten ein solches Konkurrenzgehabe auch gar nicht nötig. Tanja Becker-Bender gewann höchste Auszeichnungen bei internationalen Wettbewerben und konzertierte als Solistin unter Dirigenten wie Kurt Masur, Gerd Albrecht und Lothar Zagrosek. Zusammen mit Péter Nagy nahm sie Violinsonaten von Ottorino Respighi und Paul Hindemith auf zwei CDs auf. Seit 2009 ist sie als Professorin an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg tätig.

Péter Nagy, Jahrgang 1960, ist einer der jüngsten Vertreter einer international bekannten Generation von ungarischen Pianisten. Bereits im Alter von acht Jahren wurde er an der Spezialschule für junge Talente der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest aufgenommen. Konzerte führten ihn unter anderem ins Opernhaus in Sydney, in das Auditorium des Louvre sowie nach Japan.

Als Robert Schumann 1851 seine erste Violinsonate schrieb, war er ein ähnlich gefeierter Pianist, befand er sich aber in einer keineswegs einfachen Lebensphase. Kurz zuvor hatte er als Neu-Düsseldorfer zunächst voller Euphorie die Stelle als Städtischer Musikdirektor angetreten. Doch die Musiker waren undiszipliniert, man kritisierte ihn öffentlich, er erwog die Kündigung. Welche Erfrischung, als ein junger, ungemein talentierter Geiger in sein Leben trat: Joseph Joachim besuchte das Ehepaar Schumann, spielte mit Clara die Violinsonate Nummer eins – und startete von hier aus seine beeindruckende Karriere.

Der erste Satz mit seinem ernsten Thema entwickelt sich leidenschaftlich und kontrastreich. Das folgende Allegretto präsentiert uns einen vergleichsweise simplen Gedanken in amüsanter Atmosphäre. Und das vorwärts treibenden Sechzehntel-Thema des Finales in der Violine ist erst recht ein typischer Schumann. Gegen Ende erkennen wir den Gedanken des ersten Satzes wieder.

Heinz Holliger ist wie Schumann Solist, Dirigent und Komponist in einer Person. Er wurde 1939 in der Schweiz geboren, schrieb bereits als Vierzehnjähriger erste Werke für Kammermusik, nahm Kompositionsunterricht bei Pierre Boulez und arbeitete lange als Solo-Oboist und Hochschulprofessor. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den Grammy Award in der Kategorie „Producer of the Year, Classical“.

Für die Bühne schuf Holliger beispielsweise die Oper „Schneewittchen“. Doch sein Schaffen umfasst alle Gattungen. „Meine ganze Beziehung zur Musik ist so, dass ich immer wieder probiere, an die Grenze zu kommen“, beschreibt er selbst seine Arbeit. Nahezu alle seine Kompositionen sind Zeugnis einer Suche nach den Grenzen von Klang und Sprache. Und in den vier Liedern ohne Worte wäre die Sprache wohl in der Tat fehl am Platz. Holliger, der Musik als eine „körperliche Notwendigkeit“ begreift, zeigt uns hier, warum sie für sich allein – ohne Text – oft viel stärker wirkt.

Franz Schuberts im Herbst 1826 geschriebenes Rondeau brillant, eine der wenigen Kammermusikkompositionen, die noch während seines kurzen Lebens gedruckt wurden, war lange wenig bekannt. Wenn Geiger und Pianisten gemeinsam Schubert spielen wollten, griffen sie eher zu anderen Werken.

Dass es viel mehr zu bieten hat, als ein Schubladen-Schicksal zu verdienen, verdeutlicht vor allem seine Vielseitigkeit. Das Andante, das als ernste Einleitung voran gestellt ist, deutet verschiedene Ideen an, die später im Allegro auftauchen. Dieses kommt deutlich verspielter und lebhafter daher und treibt uns stetig voran. Die Form des Rondos umfasst fünf Teile: Dreimal taucht der „Refrain“ auf (A), und wir lernen wir zwei verschiedene, recht lange Zwischenteile, die „Couplets“, kennen (B und C), so dass sich folgende Struktur ergibt: ABACA.

Von „altmodischen“ Formen wie der eines Rondos hielt Richard Strauss nicht viel. Er war 23, als er seine erste und einzige Violinsonate zu Papier brachte, die schon die Grenzen des Gewohnten sprengte. So ist das Allegro deutlich breiter als beispielsweise ein üblicher Kopfsatz einer Sonate von Johannes Brahms. Nicht weniger als jeweils zwei Hauptund Seitenthemen erfand Strauss dafür. Der Titel des langsamen Satzes „Improvisation“ kommt nicht von Ungefähr. In dessen Mittelteil voller Leidenschaft

hören wir im Klavier Läufe wie Improvisationen und in der Geige mit Dämpfer gespielte Schmuckstücke voller Ornament. Liebhaber spielen dieses Andante mitunter losgelöst von den Ecksätzen. Ein Fehler: Denn das Finale ist voller Effekt. Los geht’s im düsteren es-Moll; es folgt eine strahlende Es-DurPassage im Klavier mit einem energischstrahlend aufsteigendem Hauptthema. Die Violine stellt uns dann einen zweiten Gedanken vor, den das Klavier mit rauschenden Akkorden begleitet. Es ist ein Kampf um die Vorherrschaft – aber ein überaus fruchtbarer.