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Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6

Peter I. Tschaikowsky

* 7. Mai 1840 in Wotkinsk, † 6. November 1893 in St. Petersburg

Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 „Pathétique“

Entstehung: 1893
Uraufführung: Oktober 1893 in St. Petersburg unter der Leitung des Komponisten
Spieldauer: ca. 50 Minuten

 

Tschaikowskys sechste Symphonie ist ein rätselhafter Abschied von der Welt. Kaum eine andere seiner Kompositionen hat so sehr zu Spekulationen angeregt. Nur wenige Tage nach ihrer Uraufführung erkrankte Tschaikowsky schwer und starb mit nur 53 Jahren. Sehr wahrscheinlich erlag den Folgen der asiatischen Cholera, die zu dieser Zeit in St. Petersburg grassierte.

Nicht nur dieser biografische Umstand, sondern auch ein von Tschaikowsky bewusst verschwiegenes mysteriöses Programm, das er seinem letzten Orchesterstück zugrunde legte, gaben immer wieder romantisierenden Vermutungen Vorschub, Tschaikowsky hätte mit seiner letzten Symphonie – von Todesahnungen getrieben – eine Art Schwanengesang schaffen wollen. Nur wenigen Personen gegenüber machte er Andeutungen über die Pläne zu seiner Symphonie, die wie viele seiner späten Werke geprägt ist vom Gegensatz zwischen kämpferischer Auseinandersetzung mit dem Schicksal und verzweifeltem Lebensüberdruss. Etwa ein Jahr zuvor hatte er in einem Brief an den Großfürsten Romanov den Wunsch geäußert, „eine grandiose Symphonie zu schreiben, die gleichsam den Schlussstein meines gesamten Schaffens bilden soll“.

Ende 1892 kamen ihm auf einer Zugfahrt die entscheidenden Ideen zur Konzeption eines neuen symphonischen Werks, wie er seinem Lieblingsneffen Vladimir mitteilte: „Auf der Reise nach Paris tauchte in mir der Gedanke an eine Symphonie auf, diesmal an eine mit einem Programm, aber mit einem Programm von der Art, dass es für alle ein Rätsel bleiben wird – mögen sie selber dahinter kommen; die Symphonie soll auch Programmsymphonie heißen: Dieses Programm ist mehr denn je von Subjektivität durchdrungen, und nicht selten habe ich, während ich herumstreifte und in Gedanken an ihr arbeitete, sehr geweint.“

Zwischen Frühjahr und Sommer 1893 komponierte er – unterbrochen von vielen Reisen – diese „Programmsymphonie“, die erst nach ihrer Fertigstellung den Beinamen „Pathétique“ erhalten sollte. Das Publikum der Uraufführung war befremdet und reagierte zurückhaltend; dies spiegelte sich in einer zeitgenössischen Rezension wider: „Die neue Symphonie ist zweifellos unter dem Einfluss der Reise durch fremde Länder geschrieben; in ihr ist viel Scharfsinn, Erfindungsreichtum in der Verwendung orchestraler Farben, Grazie (insbesondere in den beiden Mittelteilen), Eleganz; an Inspiration aber tritt sie hinter seinen anderen Symphonien zurück.“

Doch bald nach dem Tod des Komponisten trat das Werk seinen Siegeszug in den Konzertsälen an. Mit dem „rätselhaften Programm“ und der ungewöhnlichen Satzfolge schuf Tschaikowsky ein singuläres Werk, das aufgrund der hohen Emotionalität und rhythmischen Vitalität der Musik zu einem seiner populärsten Orchesterstücke wurde. Die Besonderheiten der „Pathétique“ üben auch heute noch einen eigenwilligen Reiz aus.

Es ist der Gegensatz von kämpferischem Widerstand gegen das Unabwendbare und schwermütiger Ergebenheit in ein Schicksal, der diese Atmosphäre prägt. Musikalisch wird der Konflikt durch grandios-martialische Höhepunkte, das Zitieren orthodoxer Totenliturgie und die Lamento-Motive in der Melodik verdeutlicht.

Eine weitere Eigenwilligkeit der Sechsten besteht in der formalen Anlage. In der seltenen Grundtonart h-Moll, die mit Leiden und Melancholie assoziiert werden kann, stehen die Ecksätze. Der erste ist von episodenhafter Struktur und nur schwer als traditioneller eröffnender Sonatensatz zu interpretieren. In der langsamen Einleitung wird das düstere Hauptthema vorgestellt, das später gehetzten Höhepunkten zueilt.

Es folgt im nächsten Satz der berühmte Walzer im ungewöhnlichen 5/4-Takt. Gleichermaßen von Eleganz und verhaltener Melancholie geprägt, schien er dem großen Tschaikowsky-Dirigenten Arthur Nikitsch wie ein „Lächeln durch Tränen“. Ihm schließt sich der dritte scherzohafte Satz „Allegro molto vivace“ im 12/8-Takt an in Form eines schnellen Marsches an, der in einem dämonisch-triumphalen Höhepunkt endet.

Das Finale ist ein Novum in der Musikgeschichte: Erstmals beendete ein langsamer Satz, ein „Adagio lamentoso“, eine Sinfonie und negierte damit die herkömmliche per-aspera-ad-astra-Dramaturgie (frei übersetzt: „durch die Finsternis zum Licht“).

Es ist ein schmerzvolles Ende, das einen starken Kontrast zu den vorausgegangenen Sätzen bildet und mit seinen dissonanten Klängen, seinen chromatischen Bewegungen und seufzenden Streichern wie ein Abschied von der Welt wirkt, der im vierfachen Pianissimo der tiefen Streicherbässe dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer zufolge „in der Schwärze eines Nichtmehrseins, gleichsam verblutend, ausklingt“. Kein finaler Triumph, keine gloriose, beifallsheischende Stretta, sondern tiefste Traurigkeit.