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Marx: „Der bescheidene Schäfer“, „Ständchen“
Ein Idyll ist laut Lexikon ein friedlicher Zustand. Und wer im Frieden mit der Welt lebt, ist gut dran. Nicht nur in unidyllischen Zeiten wie der unsrigen verzweifelt des Menschen Herz aber oft an einer simpel erscheinenden Frage: Wie stehe ich zur Welt? Und wenn sich schon ein Nicht-Künstler wie Du und Ich damit schwer tut – wie geht es mit dieser Frage eigentlich einem Komponisten, dessen Genie wir ja oft mit einer gewissen Weltabgewandtheit in Verbindung bringen? Wie steht sein Ich zur Welt? 
Igor Strawinskys Konzert „Dumbarton Oaks“ verbindet sich über den Titel mit einer weltweit verbreiteten Ikone, nämlich mit dem Bild des prächtigen, 1800 erbauten Landhauses „Dumbarton Oaks“ in Washington D.C. Strawinsky selbst trat damals ebenfalls in Kontakt mit der Welt: Mit den Kunstmäzenen Robert und Mildred Bliss, die in eben jenem Haus ihren 30. Hochzeitstag feiern wollten und das Konzert in Auftrag gaben. Dass 1944 „die Welt“ auf Dumbarton Oaks Einzug hielt, als dort eine internationale Konferenz zur Vorbereitung der UNO-Gründung stattfand, konnte Strawinsky freilich damals noch nicht wissen. 
Wie eine zarte Künstlerseele an der Welt zerbrechen kann, veranschaulicht das Leben Max Regers. Nach Militärdienst und beruflicher Misserfolge erlitt er früh einen Zusammenbruch, zog sich ins Elternhaus in der Oberpfalz zurück – und komponierte in der Weltabgewandtheit Werk auf Werk. Er verehrte Johann Sebastian Bach und verband 
dessen Formstrenge mit den Klangfarben von Franz Lizst oder Johannes Brahms. In den Folgejahren wagte er sich wieder nach draußen – hielt es jedoch auf keinem Posten lange aus. Von Lehrverpflichtungen, Konzerten und Reisen geschwächt, starb Reger mit nur 43 Jahren an Herzversagen. „Nur einer steht so ernst bei Seit‘, in seinen Augen wohnt das Leid, auf seiner Stirn das Schweigen“, heißt es in dem Lied „Mein Traum“ (Gedicht von Anna Ritter), das Reger 1898 orchestrierte. 
Wie anders ging Joseph Marx auf die Welt zu! Nicht weniger als 8000 Versuche führte er als Musikwissenschaftler in Graz durch, um der Klangpsychologie und der Tonalität auf die Spur zu kommen. Joseph Marx, der Max Reger als eines seiner Vorbilder nannte, war Professor für Musiktheorie und beriet Atatürk Anfang der 1930er Jahre beim Aufbau eines Konservatoriums in Ankara. Er schrieb für verschiedene Musikmagazine in leitender Position und soll angeblich nicht weniger 1300 Kompositions-Schüler unterrichtet haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Joseph Marx eine geehrte Wiener Musiker-Persönlichkeit – aufgrund seiner zeitweiligen Zusammenarbeit mit dem NSRegime jedoch nicht unumstritten. 
„Bei Dir ist es traut [...] Komm mir ein Liebes sagen, aber nur nicht laut! [...] Lass uns leise bleiben, keiner weiß uns so.“ Alma Mahler-Werfel vertonte diese Zeilen aus der Feder Rainer Maria Rilkes kurz nach der Jahrhundertwende. Und man könnte den Eindruck gewinnen, derart innige Liebeslyrik sei das Motto ihres Lebens gewesen: Als sei sie mit der Welt vor allem durch ihre zahlreichen Männer in Kontakt gekommen. (Fast) Alle hatte sie gehabt: Gustav Mahler, Walter Gropius, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Gustav Klimt. Mit wem sie verheiratet war, mit wem sie eine Liaison hatte – das tut nicht viel zur Sache. Richard Strauss, Leonard Bernstein, Wilhelm Furtwängler, Thomas Mann und wen nicht noch alles zählte diese in ihrem Facettenreichtum unfassbare Frau des 20. Jahrhunderts zu ihren Freunden. Leider sind nur wenige ihrer Lieder erhalten.
Nicht ganz unschuldig war daran bekanntlich ihr erster Ehemann Gustav Mahler, der es nicht ertragen konnte, eine kreative Frau zu haben, und versuchte, ihr das Komponieren auszutreiben – ein Zeichen für seinen eigenen, gänzlich anderen Welt-Bezug. Seine Kunstlied-Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ vereint zwölf Lieder zu Gedichten von Clemens Brentano und Achim von Arnim für Gesang und Orchester. Das lyrische Ich im „Rheinlegendchen“ (nach „Bald gras‘ ich am Neckar ...“) stellt sich vor, wie es einen Ring in den Fluss wirft, dieser von einem Fisch gegessen wird, welcher dann auf dem Teller des Königs landet, vom „Schatz“ für sich beansprucht wird und schließlich die beiden Liebenden zusammenführt. Wenn das keine romantische Idylle ist.
Mit der Szene und Arie „Ah perfido!“ begab sich der junge Ludwig van Beethoven um einige Jahre in der Musikgeschichte
zurück, indem er sich auf Formen des
Barock berief. Das Libretto für „Ah perfido!“ schrieb Pietr Metastasio; schon Georg Friedrich Händel hatte den Stoff um das homerische Paar Achill und Deidamia in seiner Oper „Deidamia“ benutzt. Eine heroische Fabel liegt der Szene zugrunde: Achill verlässt Deidamia und geht hinaus in die Welt.
Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ erklang erstmals kurz nach der Geburt des gleichnamigen Sohnes und anlässlich des Geburtstags seiner Frau Cosima am 1. Weihnachtstag 1870 in einem Treppenhaus einer Villa bei Luzern. Hier, in Tribschen fand Wagner, der sich zeit seines Lebens immer wieder mit der Welt angelegt hatte, tatsächlich ein kleines Idyll. Nach Jahren des Hin und Her hatte sich Cosima für ein Leben mit ihm und gegen ein Leben mit dem Dirigenten Hans von Bülow entschieden. In Tribschen erreichte Wagner kein Staatswesen aus Sachsen oder Bayern, das er revolutionär bekämpft hatte und vor dem er dann fliehen musste. Und auch kein Freund und Gönner, dem er mal wieder die Frau ausgespannt hatte. In Martin Gregor-Dellins Wagner-Biografie heißt es: „Am Morgen des 25. Dezember [...] vernahm Cosima, als sie aufwachte, eine Musik von erschütternder, schmerzlicher Süße.“

Ein Idyll ist laut Lexikon ein friedlicher Zustand. Und wer im Frieden mit der Welt lebt, ist gut dran. Nicht nur in unidyllischen Zeiten wie der unsrigen verzweifelt des Menschen Herz aber oft an einer simpel erscheinenden Frage: Wie stehe ich zur Welt? Und wenn sich schon ein Nicht-Künstler wie Du und Ich damit schwer tut – wie geht es mit dieser Frage eigentlich einem Komponisten, dessen Genie wir ja oft mit einer gewissen Weltabgewandtheit in Verbindung bringen? Wie steht sein Ich zur Welt? 

Igor Strawinskys Konzert „Dumbarton Oaks“ verbindet sich über den Titel mit einer weltweit verbreiteten Ikone, nämlich mit dem Bild des prächtigen, 1800 erbauten Landhauses „Dumbarton Oaks“ in Washington D.C. Strawinsky selbst trat damals ebenfalls in Kontakt mit der Welt: Mit den Kunstmäzenen Robert und Mildred Bliss, die in eben jenem Haus ihren 30. Hochzeitstag feiern wollten und das Konzert in Auftrag gaben. Dass 1944 „die Welt“ auf Dumbarton Oaks Einzug hielt, als dort eine internationale Konferenz zur Vorbereitung der UNO-Gründung stattfand, konnte Strawinsky freilich damals noch nicht wissen. 

Wie eine zarte Künstlerseele an der Welt zerbrechen kann, veranschaulicht das Leben Max Regers. Nach Militärdienst und beruflicher Misserfolge erlitt er früh einen Zusammenbruch, zog sich ins Elternhaus in der Oberpfalz zurück – und komponierte in der Weltabgewandtheit Werk auf Werk. Er verehrte Johann Sebastian Bach und verband dessen Formstrenge mit den Klangfarben von Franz Lizst oder Johannes Brahms. In den Folgejahren wagte er sich wieder nach draußen – hielt es jedoch auf keinem Posten lange aus. Von Lehrverpflichtungen, Konzerten und Reisen geschwächt, starb Reger mit nur 43 Jahren an Herzversagen. „Nur einer steht so ernst bei Seit‘, in seinen Augen wohnt das Leid, auf seiner Stirn das Schweigen“, heißt es in dem Lied „Mein Traum“ (Gedicht von Anna Ritter), das Reger 1898 orchestrierte. 

Wie anders ging Joseph Marx auf die Welt zu! Nicht weniger als 8000 Versuche führte er als Musikwissenschaftler in Graz durch, um der Klangpsychologie und der Tonalität auf die Spur zu kommen. Joseph Marx, der Max Reger als eines seiner Vorbilder nannte, war Professor für Musiktheorie und beriet Atatürk Anfang der 1930er Jahre beim Aufbau eines Konservatoriums in Ankara. Er schrieb für verschiedene Musikmagazine in leitender Position und soll angeblich nicht weniger 1300 Kompositions-Schüler unterrichtet haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Joseph Marx eine geehrte Wiener Musiker-Persönlichkeit – aufgrund seiner zeitweiligen Zusammenarbeit mit dem NS-Regime jedoch nicht unumstritten. 

„Bei Dir ist es traut [...] Komm mir ein Liebes sagen, aber nur nicht laut! [...] Lass uns leise bleiben, keiner weiß uns so.“ Alma Mahler-Werfel vertonte diese Zeilen aus der Feder Rainer Maria Rilkes kurz nach der Jahrhundertwende. Und man könnte den Eindruck gewinnen, derart innige Liebeslyrik sei das Motto ihres Lebens gewesen: Als sei sie mit der Welt vor allem durch ihre zahlreichen Männer in Kontakt gekommen. (Fast) Alle hatte sie gehabt: Gustav Mahler, Walter Gropius, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Gustav Klimt. Mit wem sie verheiratet war, mit wem sie eine Liaison hatte – das tut nicht viel zur Sache. Richard Strauss, Leonard Bernstein, Wilhelm Furtwängler, Thomas Mann und wen nicht noch alles zählte diese in ihrem Facettenreichtum unfassbare Frau des 20. Jahrhunderts zu ihren Freunden. Leider sind nur wenige ihrer Lieder erhalten.

Nicht ganz unschuldig war daran bekanntlich ihr erster Ehemann Gustav Mahler, der es nicht ertragen konnte, eine kreative Frau zu haben, und versuchte, ihr das Komponieren auszutreiben – ein Zeichen für seinen eigenen, gänzlich anderen Welt-Bezug. Seine Kunstlied-Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ vereint zwölf Lieder zu Gedichten von Clemens Brentano und Achim von Arnim für Gesang und Orchester. Das lyrische Ich im „Rheinlegendchen“ (nach „Bald gras‘ ich am Neckar ...“) stellt sich vor, wie es einen Ring in den Fluss wirft, dieser von einem Fisch gegessen wird, welcher dann auf dem Teller des Königs landet, vom „Schatz“ für sich beansprucht wird und schließlich die beiden Liebenden zusammenführt. Wenn das keine romantische Idylle ist.

Mit der Szene und Arie „Ah perfido!“ begab sich der junge Ludwig van Beethoven um einige Jahre in der Musikgeschichte zurück, indem er sich auf Formen des Barock berief. Das Libretto für „Ah perfido!“ schrieb Pietr Metastasio; schon Georg Friedrich Händel hatte den Stoff um das homerische Paar Achill und Deidamia in seiner Oper „Deidamia“ benutzt. Eine heroische Fabel liegt der Szene zugrunde: Achill verlässt Deidamia und geht hinaus in die Welt.

Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ erklang erstmals kurz nach der Geburt des gleichnamigen Sohnes und anlässlich des Geburtstags seiner Frau Cosima am 1. Weihnachtstag 1870 in einem Treppenhaus einer Villa bei Luzern. Hier, in Tribschen fand Wagner, der sich zeit seines Lebens immer wieder mit der Welt angelegt hatte, tatsächlich ein kleines Idyll. Nach Jahren des Hin und Her hatte sich Cosima für ein Leben mit ihm und gegen ein Leben mit dem Dirigenten Hans von Bülow entschieden. In Tribschen erreichte Wagner kein Staatswesen aus Sachsen oder Bayern, das er revolutionär bekämpft hatte und vor dem er dann fliehen musste. Und auch kein Freund und Gönner, dem er mal wieder die Frau ausgespannt hatte. In Martin Gregor-Dellins Wagner-Biografie heißt es: „Am Morgen des 25. Dezember [...] vernahm Cosima, als sie aufwachte, eine Musik von erschütternder, schmerzlicher Süße.“