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Elgar: Symphonie Nr. 1 As-Dur Op. 55

Edward Elgar

* 2. Juni 1857 in Broadheath (England), † 23. Februar 1934 in Worcester

Symphonie Nr. 1 As-Dur Op. 55

Entstehung: 1907/08 in Rom
Uraufführung: 3. Dezember 1908 in Manchester unter Hans Richter
Widmung: Hans Richter
Spieldauer: ca. 55 Minuten

 

„Gentlemen, lassen Sie uns nun die größte Symphonie unserer Zeit proben, die vom bedeutendsten heute lebenden Komponisten geschrieben wurde.“ Mit diesen Worten wandte sich Hans Richter, der Dirigent der Uraufführung 1908, an seine Musiker. Welchen Wert Elgars erste Symphonie – unabhängig von der nationalen Bedeutung als Erlösungswerk in einem „Land ohne Musik“ – für die europäische Musik des frühen 20. Jahrhunderts hat, spürte man damals schon beim ersten Hören. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Schon bald nach der Uraufführung wurde das Werk überall auf der Welt gespielt.

Los geht es very british mit einem Hymnus: Die Holzbläser und die Bratschen intonieren das Andante-Thema, zu dem die tiefen Streicher einen Marsch-Rhythmus beisteuern. Als eine Art zentrale Idee durchzieht dieser Gedanken, der schon bald vom gesamten Orchester aufgenommen wird, die gesamte Symphonie. Es ist ausdrücklich eine Symphonie ohne Hintergedanken, ohne Programm: Elgars Vorstellung von höchster Musik ist die absolute Musik – eben die Musik, die nicht wie Richard Strauss‘ Tondichtungen eines literarischen Stoffes bedarf. Und so sind eben alle Themen dieser Symphonie mehr oder weniger mit diesem ersten verwandt. Der Hymnus klingt in unseren Ohren typisch für Musik von der Insel: Die lang gehaltenen Noten auf der Eins eines Taktes, die Viertelnoten in Sekundschritten, die klare harmonische Struktur, vereinzelte abfallende Quinten.

Das zweite Thema im harmonisch entfernten d-Moll ist zugleich wuchtig und unruhig. Die Instrumentation ist differenzierter als beim ersten Thema, sie erinnert durchaus an Richard Strauss. Immer wieder wechselt Elgar zwischen verschiedenen Charakteren hin und her: Mal gehetzt, mal getragen, mal akkordisch, mal in einzelne Stimmen aufgesplittet.

Das folgende Allegro molto steht in einem sehr ungewöhnlichen Maß, nämlich in einem 1/2-Takt. Bemerkenswert ist allerdings, dass kaum halbe Noten auftauchen, die einen solchen Takt ausfüllen würden. Als Hörer fühlt man sich bei den vielen Achtelund Sechzehntel-Noten eher gehetzt – ein Eindruck, der nur hin und wieder durch gefälligere Abschnitte abgelöst wird. Wie schon im ersten Satz bewegt sich Elgar sehr frei durch die Harmonik und ist damit natürlich dem spätromantischen Stil seiner Zeit verpflichtet. Diese Technik sorgt beim Hörer für eine gespannte Unruhe und wird auch im dritten Satz nicht aufgegeben: Dieses Adagio erinnert klanglich erneut an Richard Strauss. Hans Richter befand, es handle sich hierbei um „einen echten langsamen Satz“, wie ihn auch Beethoven hätte schreiben können.

Das Finale kehrt erst zum Schluss wieder zum As-Dur des ersten Satzes zurück. Das daraus bekannte Hymnen-Motiv wird jedoch schon zuvor zitiert. Nach der einführenden Lento-Passage folgt ein flottes, aber nicht gehetztes Allegro, die punktierten Viertel aus dem zweiten Thema des Kopfsatzes tauchen wieder auf. Der getragene Gestus und das Flüchtige scheinen miteinander zu kämpfen. Gegen Ende hören wir die Hymne des Beginns in voller Pracht; der Schluss der Symphonie ist ausgesprochen effektvoll und einem Erlösungswerk angemessen.

Ganz klar, mit dieser berauschenden, beeindruckenden Symphonie war Elgar, der seine Kindheit über den Räumen der Musikalien handlung seines Vaters verbrachte und schon früh mehrere Instrumente spielte, subito zum Nationalhelden aufgestiegen. Schließlich war es genau genommen überhaupt die erste nennenswerte englische Symphonie – komponiert in einer Zeit, als sich manch deutschösterreichischer oder französischer Komponist von dieser Gattung gerade lossagte.

Doch gerade die Titulierung als Nationalheld birgt Missverständnisse. Denn allzu oft wird Elgars Wirken auf das Heroische reduziert. Den Elgar, den kennt man – denkt man. Und bringt seinen Namen meist nur mit seinem „Pomp & Circumstances March No. 1“ in Verbindung, der die Vorlage für die Hymne „Land of Hope and Glory“ bildete, also für die Melodie, die neben „Rule, Britannia“ und „God save the Queen“ zum musikalischen Heiligtum der Engländer gehört. Damit wird man ihm nicht gerecht. Elgars Schaffen hat weitaus mehr als solcher Art KräftigungsMusik zu bieten – zum Beispiel diese Symphonie.

Dass es auch in einem erfolgreichen Künstlerleben eben nicht nur um Ruhm und Ehre geht, können wir ausgerechnet bei Elgar selbst nachlesen. Nachdem seine Erste ihren Siegeszug durch die Konzertsäle der Welt angetreten hatte, berichtete er: „Ich erhalte einen Haufen Briefe von bekannten und unbekannten Leuten, die mir mitteilen, wie sehr sie ihre Stimmung hebt. Ich wünschte, sie würde auch meine Stimmung heben – ich habe gerade die Miete, Grundsteuer, Einkommenssteuer und eine Reihe anderer Dinge, die heute fällig waren, bezahlt, und es stehen noch Kinder an der Tür, deren Mäuler gestopft sein wollen.“