Konzerte & Karten
Abo
Neues
Orchester
Education
     Tickets +49 40 357 666 66
„Die Geschichte vom Soldaten“

„Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.“ Diese Moral steht am Ende von Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“. In Zeiten von Flüchtlings-Not und Niedriglohn-Sektor mutet die Mahnung „Man kann nicht alles haben“ vielleicht zynisch an. Doch sollte man die Fabel von Strawinskys 1917 entstandenem Musiktheater weniger sozialpolitisch als psychologisch verstehen: Wer dem übermäßigen Reichtum fröhnt, sich innerlich also an Äußerlichkeiten bindet, wird nicht glücklich.

In der deutschen Literatur spielt das Motiv des Teufelspakts bekanntlich eine zentrale Rolle: Johann Georg Faust war zur Zeit der Reformation im heutigen Baden-Württemberg als Wunderheiler und Wahrsager unterwegs und gilt als historische Vorlage für die Faust-Sage. Goethe schuf mit seinem „Faust“ daraus einen Höhepunkt der Weltliteratur. Und Thomas Mann gelang nach dem Zweiten Weltkrieg – also freilich nach der „Geschichte vom Soldaten“ – mit seiner fiktiven Komponisten-Biografie „Doktor Faustus“ eine beeindruckende ästhetische Erklärung des Faschismus.

Für die Textgrundlage der „Geschichte vom Soldaten“ griff der Dichter Charles Ferdi nand Ramuz (1878-1947) allerdings auf eine Sammlung russischer Märchen zurück. – Wie kam es zu der Zusammenarbeit von Strawinsky und Ramuz? Die Oktoberrevolution bedeutete für den Komponisten, der die Zeit des Ersten Weltkrieges im schweizerischen Exil verbrachte, einen herben Verlust: Alle Einnahmen, die er aus Russland zu erwarten hatte, waren verloren. Wie Werner Krützfeldt in seiner 2000 erschienenen Analyse des Werks deutlich macht, fasste Strawinsky daraufhin den Plan, mit einer Wanderbühne auf Tournee zu gehen, um für den finanziellen Unterhalt zu sorgen.

Strawinskys Kammerorchester ist bewusst klein gehalten und umfasst nur die „repräsentativen“ Instrumente: „[...] von den Streichern also Violine und Kontrabass“, so Strawinsky. „Von den Holzbläsern die Klarinette – weil sie das größte Register hat – und das Fagott; vom Blech Trompete [eigentlich: Kornett] und Posaune und endlich Schlaginstrumente, soweit sie von einem einzigen Musiker bedient werden können [...]“

Das Stück beginnt mit einem flotten Marsch. Das Kornett und die Posaune geben mit ihren punktierten Rhythmen und kurzen Stakkato-Figuren eine ausgelassene Atmosphäre vor. Der Erzähler berichtet im Rhythmus der Musik: „Zwischen Chur und Wallenstadt heimwärts wandert ein Soldat.“ Hin und wieder wirft er Brocken seiner Erzählung ein, zunächst darf sich aber die für Strawinsky so typische Musik entfalten: Ob es sich um Dur oder Moll handelt, bleibt offen; mitunter spielen die einzelnen Instrumente polyrhythmisch, also jeweils mit unterschiedlichen Betonungen; zudem wechseln die Taktarten, etwa vom Zweierzum Dreierzum Fünfer-Takt. Mit musikalischen Mitteln innere Zustände der Figuren auszudrücken – davon hielt Strawinsky nicht viel. Ihm ging die Form über den Ausdruck. Und dennoch drückt auch die Form hier einiges aus. Ramuz lobte: Strawinsky sei „[...] ein Mensch, und ein ganzer Mensch: das heißt, raffiniert und gleichzeitig primitiv [...], einer, der schwierigster geistiger Kombinationen und gleichzeitig spontanster und direktester Reaktionen fähig ist.“

Zur Handlung der am 28. September 1918 uraufgeführten „Geschichte vom Soldaten“: Ein Soldat mit Namen Joseph, begegnet während seines Heimaturlaubes dem Teufel, welcher des Soldaten Geige haben will. (Isabel Karajan übernimmt neben dem Erzählerpart auch die Rollen von Soldat und Teufel.) Zunächst lehnt der Soldat ab, willigt schließlich aber in den Tausch gegen ein Buch ein. Dieses soll ihm Reichtum bescheren, indem es die Börsenkurse vorhersagt. Drei Tage verbringt er mit dem Teufel. Jedoch sind de facto drei Jahre vergangen – wie er bemerkt, als er nach Hause zurückkehrt und seine Braut an einen Anderen verheiratet findet. Er wird ein reicher Kaufmann, doch glücklich ist er nicht. Als er sich wünscht, die kranke Prinzessin durch sein Geigespiel zu heilen, gelingt es ihm schließlich, dem (betrunkenen) Teufel die Geige wieder abzunehmen. Der Soldat und die Prinzessin werden ein Paar. Ob der Soldat dem Teufel in dessen Reich folgt, bleibt aber offen.