Konzerte & Karten
Abo
Neues
Orchester
Education
     Tickets +49 40 357 666 66
„angenehm in die ohren“

Als Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) die letzten Takte seiner Opera seria „La Clemenza di Tito“ schrieb, saß er gerade in einer holperigen Kutsche nach Prag. Sein neben ihm schaukelnder Schüler Franz Xaver Süßmayr werkelte noch an den Rezitativen. Sie hatten es eilig. Schließlich galt es, zur Uraufführung am 6. September 1791 im Nationaltheater Prag ein fertiges Werk abzuliefern. Mozart hatte den Auftrag von den böhmischen Ständen anlässlich der Feier zur Krönung Leopolds II. als König von Böhmen erhalten. Der Text von Caterino Tommaso Mazzolà war schon etwas älter; in den Jahrzehnten davor war er bereits 60 Mal vertont worden. Offenbar wollte man in Prag auf Nummer sicher gehen: Mit einem Text, der sich bereits bewährt hatte, und mit einem Komponisten, der vier Jahre zuvor mit „Don Giovanni“ in Prag für einen großen Erfolg gesorgt hatte.

Die im Jahre 79 n. Chr. spielende Handlung ist schnell erzählt: Der römische Kaiser Tito weist Vitellia, die sich in ihn verliebt hat, von sich. Aus Rache stachelt die Verschmähte den jungen Sesto gegen den Kaiser auf: Sesto soll Tito töten. Als Tito sich dann doch entschließt, Vitellia zu heiraten, ist es zu spät, das Kapitol brennt, ein Volksaufstand ist im Gange. Tito überlebt zwar das Attentat; doch Sesto wird zum Tode verurteilt. Dieser bittet Tito um Verzeihung. Und Vitellia gibt sich schließlich als Anstifterin zum Attentat zu erkennen. „Clemenza“ heißt Milde, und wie es sich für eine Opera seria gehört, verzeiht Tito letztlich sowohl seiner Frau Vitellia als auch Sesto.

Das Problem: Mozart hatte in den vergangenen Jahren mit den Da-Ponte-Opern für eine Weiterentwicklung des Genres gesorgt. Und die eher hölzerne, wie in einer Kutsche ruckelnde Gattung der Opera seria war eigentlich schon zehn Jahre zuvor bei seinem „Idomeneo“ veraltet. Möglicherweise trugen auch die von Süßmayr in aller Reise-Eile geschriebenen, nicht eben kunstvollen Rezitative dazu bei, dass es „La clemenza die Tito“ im Vergleich zu Mozarts „Hits“ bis heute schwer hatte. Die dennoch erfrischend zu hörende Ouvertüre beginnt der Tradition entsprechend mit einer langsamen Einleitung. Und im Weiteren entwickelt sich ein mustergültiger Sonatensatz, dessen klare Struktur für Mozarts sonstige Ouvertüren eher ungewöhnlich ist.

Ein Klavierkonzert muss man sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als gesellschaftliches Ereignis vorstellen. Während die Kammermusik auch im kleinen Kreise stattfinden konnte, brauchte das Klavierkonzert ein großes Publikum. Es war auf Wirkung angelegt, und kaum jemand wusste damit besser zu hantieren als Mozart. Rund 27 Klavierkonzerte schrieb er in seiner kurzen Lebensund Schaffenszeit, allein 15 während vier Jahren in Wien. Die meisten davon entstanden für den eigenen Gebrauch: Er war derjenige, der vom Adel sowohl für die Kompositionen als auch für die Interpretationen gefeiert wurde. Insofern ist die Entwicklung der Klavierkonzerte aufs Engste mit der Entwicklung des öffentlichen Musiklebens dieser Zeit verbunden.

Freilich hatten auch andere Komponisten des Barock und der Klassik zuvor Klavierkonzerte geschrieben, und Mozart benötigte durchaus einige Anfangs-Übungen und Experimente. Letztlich etablierte er die Gattung aber so endgültig, dass sogar noch die Klavierkonzerte des 19. Jahrhunderts quasi in seiner Tradition stehen. Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein bemerkte einst: „Im Klavierkonzert hat Mozart sozusagen das letzte Wort in der Verschmelzung des Konzertanten und des Sinfonischen gesagt, eine Verschmelzung zu einer höheren Einheit, über die kein ‚Fortschritt‘ möglich war, weil das Vollkommene eben vollkommen ist.“

Das Klavierkonzert in C-Dur ist das letzte aus Mozarts Wiener Zeit. Im Dezember 1786 uraufgeführt, markiert es den Anfang vom Ende seiner Erfolgsjahre sowie einen vorübergehenden Abschluss seiner bis dahin regen Klavierkonzert-Produktion. Einerseits hatte er sich mit seinem Kompositionsstil generell schon recht weit vom herrschenden Geschmack des Wiener Publikums entfernt; „Le nozze di Figaro“, in der er sich indirekt über den Adel lustig gemacht hatte, konnte nicht an die Erfolge in den Jahren zuvor anknüpfen. Andererseits sorgten der Türkenkrieg vor den Toren Wiens und die vorrevolutionäre Stimmung in Frankreich dafür, dass er sein Glück fortan woanders, nämlich in Prag suchen musste. (Die Werke des ersten MozartAbends mit Jeffrey Tate und Shai Wosner im Februar 2014 entstammten noch den heiteren ersten Wiener Jahren ab 1782.) Verkürzt gesagt: Mozart verdiente seien Lebensunterhalt fortan nicht mehr üppig beim Wiener Adel, sondern kleckernd beim Prager Bürgertum. Mit dem Jahreswechsel 1786/87 begannen für ihn die beschwerlichen Jahre.

Die Musik strahlt in diesem Konzert dennoch: Im ersten Satz erklingt das Hauptthema im Marschrhythmus im Forte, nur selten trüben Mollklänge die Hochstimmung. Die Orchestereinleitung ist ungewohnt lang und umfasst insgesamt zwei Themen, wobei das Klavier das erste nur in Teilen übernimmt. Erst später taucht noch ein drittes Thema auf. Bemerkenswert sind die recht langen Orgelpunkte in allen drei Sätzen – also lang gehaltene Basstöne, über denen die Harmonik auch in entfernte Bereiche ausweicht. Im Andante treten Solist und Orchester in einen fein gearbeiteten Dialog; es atmet beinahe den Geist von Kammermusik, da Trompeten und Pauken pausieren und die Holzbläser samt Hörnern besonders präsent sind. Das abschließende Rondo hält ein kräftiges Thema bereit, derb und virtuos zugleich. Insgesamt besticht der dritte Satz aber durch seine regelmäßige, klare Formanlage.

Das Konzert in A-Dur von 1782 ist eines der ersten Klavierkonzerte aus Mozarts Wiener Zeit. Im Gegensatz zu den Werken aus seiner vorherigen Salzburger Lebensphase musste er als freischaffender Künstler nun darauf achten, was das Publikum von ihm erwartete. Er musste verschiedene Geschmäcker befriedigen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was er an den Vater Leopold schreibt: „die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen, warum.“

Dieses Konzert war das erste, in dem Mozart schon zu Beginn drei Themen vorstellt – diese Technik wandte er in späteren Konzerten dann wiederholt an. Das Besondere: Das dritte Thema taucht in der Durchführung nicht auf, sondern erst wieder in der Reprise. Vermutlich stand Mozart zu dieser Zeit besonders unter dem Eindruck des Todes von Johann Christian Bach. Im besonders beeindruckenden zweiten Satz baut Mozart seinem alten Freund ein kleines Denkmal. Das Hauptthema entstammt der Ouvertüre zu dessen J. C. Bachs „La calamità dei cuori“. Und im abschließenden Rondo gelingt es Mozart dann, zwischen traditioneller Form und ausbrechender Freiheit eine kluge Balance zu halten.

Es ist unklar, ob Mozart seine „Prager“ Symphonie Nr. 38 noch für die Wiener Wintersaison 1786/87 oder schon mit Blick auf seine für Januar 1787 geplante Pragreise geschrieben hat. Klar ist, dass sie am 19. Januar 1787 in Prag uraufgeführt wurde und – zusammen mit dem wohl nur wenige Tage vorher vollendeten Klavierkonzert in C-Dur – einen Wendepunkt seines Lebens markiert. Ein Dreivierteljahr vor seinem Prager Triumph mit „Don Giovanni“ beeindruckte Mozart das dortige bürgerliche Publikum auch mit diesem Instrumentalwerk. Die Prager sollen die D-Dur-Symphonie gar als eines ihrer „Lieblingsstücke“ erkoren haben, hieß es damals. Mit ihrem D-Dur steht sie zwischen den beiden D-Dur-Opern: Dem heiteren „Figaro“ und heiter-tragischen „Don Giovanni“.

Der erste Satz beginnt mit einer AdagioPassage: Ernst und voller Klage. Dann das Hauptthema im Allegro – in der Trompete erklingt ein strahlendes Signal in D-Dur mit markanten vier Vierteln auf dem Ton a. Das zweite lebhafte Thema lässt, zunächst in Dur, auf eine Entspannung der düsteren VorspielStimmung hoffen, doch schon die Wiederholung steht in Moll. Und die Durchführung wird vom Hauptthema beherrscht – oder vielmehr: Von den den Hauptgedanken begleitenden Synkopen

Ebenfalls zerrissen erscheint die Stimmung im zweiten Satz. Dieses Andante beinhaltet wieder zwei gegensätzliche Themen. Eines milde, das andere herb. Das Ende des Satzes ist zögernd, vorsichtig, das sonst in damaligen Symphonien übliche Menuett entfällt angesichts der düsteren Stimmung. Stattdessen folgt gleich das rasante Presto des Finales, manch Interpret sprach hier gar von einer „tour de force“. Die aus dem ersten Satz bekannten Synkopen tauchen wieder auf, allerdings nicht wie zuvor in der Begleitung, sondern als wesentlicher Bestandteil des Hauptthemas. Die Musik ist in Aufruhr, doch Mozart gönnt ihr ein zumindest zum Teil versöhnliches Ende, indem er mit dem zweiten Thema dieses Finales eine Atmosphäre von Eleganz und Behaglichkeit schafft.

Wolfgang Amadeus Mozart

* 27. Januar 1756 in Salzburg
5. Dezember 1791 in Wien