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Mahler: Mahler: Symphonie Nr. 9 D-Dur

Gustav Mahler

* 7. Juli 1860 in Kalischt (Böhmen), † 8. 8. Mai 1911 in Wien

Symphonie Nr. 9 D-Dur

Entstehung: 1909/10
Uraufführung: 26. Juni 1912 in Wien unter Bruno Walter
Spieldauer: ca. 80 Minuten

 

Gustav Mahlers letzte vollendete Symphonie wird gemeinhin mit seinem Tod wenige Jahre später sowie mit seinem „Schicksalsjahr“ 1907 in Verbindung gebracht. In der Tat war Mahler ein vom Tod seiner Tochter, von der Diagnose seiner eigenen Herzkrankheit und von der Wiener Kampagne gegen ihn gezeichneter Mann, als er Anfang 1908 in New York seine neue Stelle als Direktor der Metropolitan Opera antrat. Zudem handelte es sich ja eben um die neunte (!) Symphonie; nachdem Beethoven und Bruckner über diese schicksalhafte Zahl nicht hinaus gekommen waren, musste sie in den Augen manches Hobby-Biografen auch für Mahler das Todesurteil bedeuten.

Doch es lohnt sich, diese Symphonie einmal durch eine andere Brille zu betrachten. Oder vielmehr: Den Tod, der hier durchaus eine Rolle spielt, könnte man wie in Matthias Claudius‘ Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ auch einmal als Freund begrüßen. Denn dann endet in dieser Neunten zwar etwas, nämlich die Symphonie des 19. Jahrhunderts, doch es scheint zugleich neues Leben, die Moderne, auf. Das Ende verliert somit seinen Schrecken – so wie auch Martin Luther den Christen die Angst vor dem strafenden Gott im Jenseits nahm. (Derzeit widmen sich die Hamburger Symphoniker im Rahmen ihres bis 2017 laufenden Reformationsprojektes dem Verhältnis von Reformation und Moderne.)

Allein die biografischen Begleiterscheinungen sind besonders. So ist Mahler zur Zeit der Arbeit an der Neuten ja eigentlich längst der über ihn in Wien ausgeschütteten Häme entkommen und feiert in New York neue Erfolge. Und wie Jens Malte Fischer in seiner 2003 erschienenen Biografie anschaulich darlegt, war der Mahler des Sommers 1909 ein mit dem Alltags-Leben in seinem Rückzugsund Komponier-Ort Toblach durchaus vielfältig Verbundener. So lädt er zum Beispiel seinen alten Freund Arnold Berliner zu sich ein: „Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele.“ Butterbrot, Wanderstiefel und Schinken stünden bereit. Mahler ärgert sich über Nachbarn und korrespondiert mit seiner Frau wegen der Dienstmagd, die ihm die falsche Butter und den falschen Honig serviere. Auch kommen die Dirigenten Oskar Fried und Gustav Brecher vorbei, und mit dem befreundeten Rechtsanwalt Emil Freund trainiert Mahler das der Entspannung dienende „Tiefatmen“. Mit anderen Worten: Mahler lebt. Und was komponiert Mahler in diesem Trubel? Eine Symphonie des Todes? Auch. Aber im Wesentlichen ist es ein Ringen um die musikalischen Mittel, die nur noch stückweise aus dem 19. Jahrhundert herüber gerettet wurden, für die neue Epoche aber kaum mehr ausreichen. Es ist keine Künstler-Verzweiflung, wenn die Musik in dieser Symphonie mitunter gar verstummt, sondern eher ein Innehalten und Staunen darüber, dass die vertrauten Mittel versiegen. Arnold Schönberg etwa geht den von Mahler beschrittenen Weg weiter, doch dieser bleibt noch staunend stehen und betrachtet ausführlich, was ihm der freundliche Totengräber der Spätromantik übrig gelassen hatte.

Schon die ersten Takte machen deutlich, dass die Zeiten eines frischen Allegros in Sonatenhauptsatzform als Entree längst vergangen sind. Mahler lässt sein „Andante comodo“ mit Klangfetzen in Cello, Horn und Harfe beginnen. Sind die ersten, halbwegs lauten Töne der Harfe schon ein Motiv? Wohl ist die folgende Hornfigur aus aufsteigender Quarte und absteigender Quinte eines. Doch ist es „gestopft“ zu spielen: Die Hand des Musikers verschließt das Rohr-Ende und sorgt so für einen verhaltenen Klang ohne viel Volumen. Die zweiten Violinen setzen mit dem Hauptthema an. Doch bis das musikalische Geschehen an Fahrt gewinnt, erscheint dieser erste Satz mitunter wie das Stottern eines Menschen, dem die Sprache abhanden gekommen ist. Als wenn sich die Symphonie erst schrittweise an die Mittel erinnern muss, die ihr einst zur Verfügung standen, dient die wohl simpelste und zugleich voller Sehnsucht steckende musikalische Figur – eine absteigende Sekunde – als Basis für die thematische Arbeit. Das Hornmotiv vom Beginn taucht später ins Strahlende gewandelt wieder auf, doch es folgt ein Trauermarsch, und die Solovioline verklingt sehr langsam und sehr düster.

Für eine Symphonie sehr ungewöhnlich, verlegt Mahler die langsamen Sätze an den Anfang und das Ende. Der zweite, zu Beginn noch schwerfällige Satz trägt seinen Grundgestus schon im Titel „Etwas täppisch und sehr derb“ und steigert sich ins Groteske. Ein langsamer Ländler sorgt für etwas Entspannung, doch das Wilde gewinnt wieder die Überhand. Und auch der dritte Satz will uns „sehr trotzig“ daran erinnern, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Es ist tatsächlich eine „Burleske“, so der Titel, ein Schwank, ein Totentanz.

Das Finale halten viele Fans für den absoluten Höhepunkt Mahlers gesamten Schaffens. Hätte Mahler nicht noch eine zehnte Symphonie begonnen, wäre dieser Satz sein letztes symphonisches Wort. Und was für eines. Dem Drängen der Violinen, die das Adagio unisono mit einem lang gezogenen Oktav-Aufschwung einleiten, kann sich wohl niemand entziehen. Das Solofagott leitet eine pianissimo-Weise ein. Und schon in diesen ersten Takten taucht ein kleines Motiv auf, das die Symphonie – in vereinfachter Form – auch beschließen wird: Ein Doppelschlag, also die zweifache Umspielung eines Tones. Das ist sehr bemerkenswert. Denn Mahler greift damit auf ein Ornament der Klassik zurück, auf einen langsamen Triller, der hier seltsam aus der Zeit gefallen erscheint. Doch er gehört zum Letzten, was in den Streichern erklingt. Pausen bestimmen diesen Schluss – als ob der Stotterer vor seinen Wortfindungsschwierigkeiten resigniere..

Man mag dies als Todesahnung verstehen. Man kann darin aber auch ein für neue Ausdrucksformen frei geräumtes Feld sehen und gelassen das Neue, die Moderne, erwarten.