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Mahler: Symphonie Nr. 1 „Der Titan“

Gustav Mahler

* 7. Juli 1860 in Kalischt (Böhmen), † 8. 8. Mai 1911 in Wien

Symphonie Nr. 1 „Der Titan“

Entstehung: 1884 – 88/1893 – 96
Uraufführung: 3. Juni 1889 in Budapest/16. März 1896 in Berlin
Erstdruck: 1899
Spieldauer: ca. 50 Minuten

 

Mahler wagte mit seiner ersten Symphonie einen Aufbruch: „Es ist so übermächtig geworden – wie es aus mir wie ein Bergstrom hinausfuhr! [...] Wie mit einem Schlag sind alle Schleusen in mir geöffnet!“ Freilich ist sein Aufbruch ein anderer als der des alten Strauss‘. Es ist der Endzwanziger, der hier im Tonfall eines dionysischen Nietzsche das Neue, den Ausdruck, das unaufhaltsame Strömen beschwört. Und in der Tat ist es bis dato unbekannte Musik, die uns im ersten Satz entgegen strömt. Als ob die Musik gerade erst entsteht, hören wir zunächst Naturlaute, ein Flirren im Flageolett-Klang, die Quart-Rufe des Kuckucks im Holz, weiche Horn-Linien und ein Hauptthema, das Mahlers Lied „Ging heut‘ morgen übers Feld“ entstammt.

Das Prinzip dieser Symphonie ist das eines kunstvollen Baukastens. Wie Mahler hier Themen aus seinen Liedern, einen volkstümlichen Ländler, einen Trauermarsch, den Bruder-Jakob-Kanon („Frère Jacques“) oder die Naturlaute zusammenfügt, ist beeindruckend. Die (brüchige, aber erkennbare) symphonische Struktur ergibt sich wie von selbst. Dennoch war ihm das rein Symphonische zunächst nicht ganz geheuer. Noch für eine Aufführung in Hamburg 1893 erfand er Überschriften wie „Frühling und kein Ende“, „Mit vollen Segeln“, „Gestrandet“ oder etwa „Des Jägers Leichenbegräbnis“. Erst später verzichtete er auf Erklärungen; auch den Beinamen „Der Titan“ – in Anlehnung an den Roman des Romantikers Jean Paul – strich er.

Bereits in dieser Symphonie findet sich ein Moment, das für Mahlers künftiges Schaffen überaus kennzeichnend ist: Immer wieder gibt es spannungsvolle musikalische Situationen, aus denen nur ein Ausbrechen, etwa ein unvermittelter lauter Akkord, befreien kann. Thomas Mann schuf mit seinem „Doktor Faustus“ die Biografie eines zwar fiktiven, aber prototypischen Komponisten der Jahrhundertwende. Dieser Adrian Leverkühn, dem Mann deutliche Züge von Friedrich Nietzsche verlieh, philosophiert gern vom „Durchbruch“. Hier, in Mahlers „Aufbruch“, hören wir diese Art „Durchbruch“: Das Eruptive, das Dionysische, das Fesseln Sprengende.

Während Martin Luther einem neuen Gottesbild sowie der deutschen Sprache zum Durchbruch verhalf, suchte die an Gott zweifelnde Moderne nach neuem Ausdruck. Mahler selbst gab in Bezug auf seine Erste dafür eine einleuchtende Erklärung: „So was wie der Trauermarsch und der darauf ausbrechende Sturm erscheint mir wie eine brennende Anklage an den Schöpfer.“