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Holst: „Die Planeten“

Gustav Holst

* 21. September 1874 in Cheltenham, † 25. Mai 1934 in London

„Die Planeten“ (The Planets) Op. 32, Suite für Großes Orchester

Entstehung: 1914 – 16
Uraufführung: 15. November 1920 in London
Erstdruck: Goodwin and Tabb 1922
Spieldauer: ca. 50 Minuten

 

Holsts bahnbrechendes Werk, das ähnlich wie Strauss‘ „Zarathustra“ sofort enthusiastisch gefeiert wurde, entstand 20 Jahre später. Die Epoche der Spätromantik war der Epoche der musikalischen Moderne gewichen. Holst, der englische Musiklehrer und Komponist mit schwedischen Vorfahren, wählte ebenso wie Strauss die freie Form der Programmmusik und wollte mit jedem Satz seiner Suite Stimmungen ausdrücken, die mit den Planeten bzw. den namensgleichen antiken Gottheiten in Verbindung gebracht werden. Im übertragenen Sinne hören wir hier sogar noch mehr: Wir erleben, wohin Nietzsches Übermenschen-Philosophie in der Moderne geführt hat, nämlich in die Ferne des (von Gott „befreiten“) Alls, ins aufregend Wilde, ja, in eine Art Rauschzustand.

Der Mensch macht in der Moderne revolutionäre neue Erfahrungen (nicht zuletzt musikalischer Art), leidet aber an seiner neuen Einsamkeit und Haltlosigkeit. Bemerkenswert ist, dass auch Holst wie Strauss die Orgel einsetzt. Und auch hier hat sie die Fesseln als Kirchen-Instrument abgeschüttelt, von Bachschen Fugen keine Spur, sie ist ein (gewichtiges) Instrument unter vielen, als wollte Holst einfach alle verfügbaren Instrumente zusammenbringen, um maximale Lautstärke für maximale Kontraste und maximale Spannung zu ermöglichen.

Schauen wir auf den ersten Teil Mars, den Holst kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu Papier brachte. Ein starrer unisono-Marschrhythmus beherrscht das Orchester, doch nicht im marschtypischen 4/4-, sondern im 5/4-Takt. Das wohl populärste Werk in einem 5er-Rhythmus schrieb Paul Desmond 1959 für das Dave-Brubeck-Quartett mit „Take Five“: Ein vorwärtstreibender Stolperstein – falls es so etwas geben kann –, der den Jazz revolutionierte. Bei Holst ist dieses Stilmittel ins Extrem getrieben. Durch häufig wiederholte Figuren und krasse Steigerungen bis ins vierfache Forte wird die Brutalität des Krieges nahezu körperlich spürbar.

Der vergleichsweise friedvolle Gestus des anschließenden Venus-Abschnitts bringt dann große Erleichterung. Holst entschied sich für eine geniale Instrumentation: Celesta, Harfe, Holzbläser und Hörner sorgen für zarte Klänge. Merkur, der Götterbote, hat es daraufhin in seinem Vivace-Scherzo sehr eilig. Und gleich in zwei wesentlichen musikalischen Strukturelementen drückt Holst hier Spannung aus: Auf harmonischer Ebene im abrupten Wechsel von B-Dur zu E-Dur. Und auf rhythmischer Ebene in der Gegenüberstellung von Duolen und Triolen, also von zwei und drei Achteln in verschiedenen Instrumentengruppen auf einen Schlag.

Der vierte Satz Jupiter beinhaltet eine Art Ode an die Freude, genauer: Eine getragene sangbare Hymne, die auch demjenigen bekannt sein dürfte, der die „Planeten“ in Gänze noch nie gehört hat, sich aber beispielsweise für Rugby-Fangesänge interessiert. Der Saturn, den Holst am liebsten mochte, soll bei der Uraufführung hingegen für Nervenzusammenbrüche gesorgt haben: So plastisch malt Holst hier Altern und Tod aus. Uranus, der Magier, treibt es daraufhin wild. Und ein beeindruckender Kunstgriff ist der Einsatz eines Frauenchores am Schluss des Stückes: Auf dem von der Sonne am weitesten entfernten Planeten Neptun befinden wir uns in völlig unbekannten Welten. Wir haben uns so weit von der Erde (und von dem offenbar längst schon vergessenen Gott) entfernt, dass kein Halt mehr zu finden ist. Sehr leise und zart setzen die Frauenstimmen auf g‘‘ ein, um sich dann für eine Fuge mit zahlreichen Sekundschritten aufzuteilen. Der Schluss der „Planeten“ ist in der klassischen Musik einmalig. Siebenstimmig lassen die Frauenstimmen zwei höchst dissonante Akkorde, die sich kreisförmig abwechseln, bis hin zur völligen Stille verklingen. Laut Partitur wird der letzte Takt bis zum totalen Versiegen des Klanges wiederholt.

Ja, das ist sie, die Einsamkeit der Moderne. Weder Tonalität, noch Schlussstriche bieten einen Halt. Das spannungsvolle Kreisen zwischen zwei Polen wird nicht aufgelöst, sondern muss noch in der Stille endlos weitergehen. Aus der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ (Nietzsche) ist ein einsames Gefängnis geworden. Allerdings ist damit auch die musikalische „Umwertung“ (Nietzsche) vollzogen. Wir sind in der Moderne angekommen, und Holsts „Planeten“ bieten eines der unvergesslichen, unvergleichlichen Erlebnisse dieser Epoche. Gottlos, aber zutiefst beeindruckend.