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Strauss: „Also sprach Zarathustra“

Richard Strauss

* 11. Juni 1864 in München, † 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen

„Also sprach Zarathustra“ Op. 30, Tondichtung, frei nach Friedrich Nietzsche

Entstehung: 1896
Uraufführung: 27. November 1896 in Frankfurt a. M.
Erstdruck: Aibl 1896
Spieldauer: ca. 35 Minuten

 

Wer an Höheres glaubt, hat ein vergleichsweise einfaches Leben: Es gibt Gott, und es gibt den Menschen – und zwischen ihnen besteht eine eindeutige Verbindung: Gott ist die Ordnung, der Richter, der Vater und der Erschaffer aller Welten, er kann strafen oder gnädig sein. Dank Martin Luther ist der Christen-Gott für die Protestanten zwar nicht mehr so unerreichbar fern und hart in seinem Urteil. Doch der demütige Mensch bleibt klein. Das, was heute als demokratische Grundtugend gilt – nämlich ein Dialog auf „Augenhöhe“ – hat im Religiösen kaum Platz. Der Vorteil für den Gläubigen: Er muss die Maßstäbe seines Handels nicht täglich neu abstecken.

Im dritten Jahr ihres jüngst bis 2017 verlängerten Reformationsprojektes zur Lutherdekade befassen sich die Hamburger Symphoniker derzeit mit dem Verhältnis von Reformation und Moderne. Der philosophische Vorreiter der Moderne ist zweifellos Friedrich Nietzsche, der keinen Zweifel lässt: Gott ist tot.

Was bedeutet dieser Tod? Zum einen ist der Mensch nun frei: Ohne Richter kein Urteil, ohne Werte-Instanz kein Moralzwang. Der Mensch erhebt seine Stimme, und es beginnt der Dialog auf Augenhöhe, wenn er von Politikern, Chefs und Ehepartnern etwas fordert. Doch es bleiben ungeklärte Fragen, die der Mensch nun mit sich selbst statt mit Gott beantworten muss: „Soll ich mir einen neuen Mantel kaufen oder das Geld den Frierenden dieser Welt spenden? Bin ich frei zu tun, was ich will, oder muss ich Rücksicht nehmen? Kann ich über meinen Tod selbst bestimmen?“ Das Leben des Ungläubigen ist dialektisch, zwischen dem neuen Mantel und seinem Mitleid muss er als Diplomat seiner inneren Spannung täglich neu vermitteln.

Diese Spannung ist das wesentliche Kennzeichen von Strauss‘ 1896 entstandener Tondichtung. Schon die bekannte Einleitung weiß davon: Der fanfarenartige Sonnenaufgang strahlt nicht durchgehend in reinem C-Dur, sondern wird vom c-Moll eingetrübt. Die Instrumentation verstärkt dank ihres immensen Volumens die Spannung: Die „Königin unter den Instrumenten“, die Orgel, schafft die Klangbasis auf dem großen C.

Nietzsches Dialektik drückt sich in den Begriffspaaren „Werden und Vergehen“, „Schaffen und Vernichten“ und „Zusammenbruch und Genesung“ aus. Strauss übersetzt dies in Musik, indem er etwa tradierte musikalische Formen gegen individuelle Einfälle stellt. Oder indem er die gesamte Tondichtung zweiteilt.

Im ersten Teil schildert er den unbefriedigenden Zustand der Welt. Er lässt die „Hinterweltler“ auftreten, die das Neue, das Helle nicht verstehen, sondern hilflos an Bewährtem festhalten und weiterhin an Gott glauben. Er erzählt „Von der großen Sehnsucht“ nach Leben und Natur sowie „Von den Freuden und Leidenschaften“, welche jedoch von wütenden Posaunen überlagert und vom „Grablied“ abgelöst werden. Bereits bekannte Themen werden in diesem Trauerstück verabschiedet. Der Abschnitt „Von der Wissenschaft“ kann daraufhin nur als Parodie gehört werden: Die Grübler und Weltdeuter verfangen sich in kreisenden Fugen, also in unnützen Gedankenspielen.

Den zweiten Teil leitet eine bemerkenswerte Generalpause ein, vollkommene Stille also, die man als Durchbruch zum Dionysischen sehen kann. Psychotherapeuten wissen davon: Der Mensch muss sich erst seinen Abgründen, seiner Dunkelheit stellen, um zum Hellen, Heilen und Neuen vorzudringen. Der Abschnitt „Der Genesende“ erzählt vom Erwachen neuen Lebensmutes. In diesem zweiten Teil, der dem ersten antithetisch gegenübersteht, steht außerdem mit dem „Tanzlied“ und dem „Nachtwandlerlied“ das Musikantische im Vordergrund. Denn Zarathustra, der Philosoph, von dessen fiktivem Leben Nietzsche berichtet, kündet tänzerisch-musikalisch vom künftigen Übermenschen.

Schon im Untertitel deutete Strauss an, dass er sein Werk nur „frei“ mit Nietzsches Dichtung verbunden sehen wollte. Im Schluss des Stückes finden wir die musikalische Entsprechung. Strauss führt uns hier zurück in spannungsreiche, chromatische und damit musikalisch-moderne Gefilde: Die Harmonik changiert zwischen C und h, also innerhalb einer kleinen Sekunde, dem spannungsreichsten Interval. Nietzsche hätte es wohl bei reinem H-Dur als Zeichen des Neuen belassen. Doch Strauss traut dem Übermenschen offenbar nicht 100-prozentig.