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Schostakowitsch:<br>
24 Präludien und Fugen
Mit seinen Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ schreitet Johann Sebastian Bach den gesamten Quintenzirkel ab. Er beginnt bei C-Dur und endet bei h-Moll. In jeder Tonart entstanden vor bald 300 Jahren jeweils ein Präludium und eine Fuge – macht 24 Stücke. Oder genauer: 48 Stücke, denn Bach komponierte einen solchen Zyklus bekanntlich zweimal.

Die Legende sagt, der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch konnte alle diese 48 Stücke auswendig spielen. Doch die unmittelbare Anregung für seinen eigenen Klavierzyklus war das Fest zum 200. Todesjahr Bachs in Leipzig 1950. Dort begeisterte ihn das Spiel der jungen Tatjana Nikolajewa so sehr, dass er ihr den Zyklus, den er kurz darauf begann, zudachte. In der Rückschau ist dieser Zyklus das wichtigste Klavierwerk Schostakowitsch'. Er widerstrebt jeglicher Einordnung in die sowjetische Ästhetik. Kritiker warfen dem Komponisten „Formalismus“ vor – und waren doch nur hilflos angesichts der Kunstfertigkeit, mit der hier der künstlerische Ausdruck den Sieg gegen ideologische Zweckentfremdung davontrug.

Wenn ein Präludium und eine Fuge aufeinander treffen, begegnen sich scheinbare Gegensätze: Hier das frei gestaltete Vorspiel, mitunter eine Art Fantasie, die uns ungezwungen auf das Folgende vorbereitet. (Kein Wunder, dass sich etwa Chopin an das „Prélude“ hielt; mit ihm konnte er sich frei entfalten.) Und da die strenge Fuge, der Kontrapunkt aus zwei oder mehr gleichberechtigten Stimmen: Thema plus Variationen. Dass sich Schostakowitsch gut 200 Jahre nach dem „Wohltemperierten Klavier“ Bach als Vorbild nahm, ist unbestritten. Doch verstand er einige Formdetails ein wenig freier: So hält er sich beispielsweise nicht sklavisch an die Halbtonleiter. Auf das C-Dur seiner Nummer 1 folgen also nicht c-Moll und Des-Dur, sondern die Mollparallele.

Spannend, wie in Schostakowitsch' Werk nicht nur Bach, sondern auch nachfolgende Komponisten anklingen. Das sechste Präludium etwa beginnt getragen, schwer, wie in einer Oper. Klingt hier gar Händel an? Und die folgende sechste Fuge hält Anspielungen auf Schubert bereit: Ebenfalls ruhig geht es hier zu, aber das Geheimnisvolle steht im Mittelpunkt, die Musik rollt, rauscht, rumort. Am elften Präludium in H-Dur fallen die hingeworfenen Triller auf; die Nähe zur neunten Symphonie ist deutlich. Ebenso wie die hastige elfte Fuge Bezug zur zehnten Symphonie Schostakowitsch' nimmt. Oben und unten, hell und dunkel: Die rechte und die linke Hand des Pianisten versinnbildlichen Gegensätze. In Nummer 9 treten die hohe und die tiefe Lage in einen Dialog. Wer spricht da? Himmel und Erde? Gott und Mensch? Die zweistimmige Fuge treibt uns flink voran. Tonartenwechsel und Dissonanzen bestimmen den Charakter.

Originell ist das 17. Präludium in As-Dur: Wie eine ländliche Weise kommt es daher, grobe bäuerliche Scherze scheinen sich dazwischen zu schieben. Doch formal geht es auf der darunter liegenden Ebene durchaus streng zu. Auch die atemlose Fuge unterliegt einer strengen Form, die für Klarheit sorgt. In tiefer Lage beginnt das zwölfte Präludium (in der entlegenen Tonart gis-Moll). Gemessenen Schrittes erhebt es sich langsam in höhere Lagen, mitunter imitiert das Klavier Orgelakkorde. Genau genommen wählt Schostakowitsch hier die Form einer Passacaglia. Kontrastreich die dazugehörige vierstimmige Fuge: Wilde Sprünge, hart eingeworfene staccato-Schläge kennzeichnen dieses Stück im ungewohnten 5/4-Takt. Die immer wiederkehrende abfallende Figur steht sinnbildlich für die Instabilität und Haltlosigkeit.

Zwar wünschte sich Schostakowitsch die Aufführung seiner 24 Präludien und Fugen ursprünglich als vollständigen Zyklus. Doch bereits Schostakowitsch selbst spielte öffentlich oft nur Ausschnitte. Der rumänische Pianist Michael Abramovich stellte die Auswahl für das heutige Kammerkonzert selbst zusammen. Er wurde 1970 in Bukarest geboren und studierte Klavier in Bukarest bei Doina Pop Soare, in Jerusalem bei Esther Narkiss sowie an der Manhattan School of Music in New York bei Nina Svetlanova. Als Solist und Dirigent arbeitet er mit namhaften Orchestern zusammen, etwa mit dem Jerusalem Symphony Orchestra, dem Asian Youth Orchestra, der Filarmonica "George Enescu" Bukarest, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Bukarest oder dem Orchester der Komischen Oper. Er dirigierte die Berliner Erstaufführung des Oratoriums „Das Kommunistische Manifest" von Erwin Schulhoff sowie das Galakonzert 2009 der Hamburger Symphoniker.

Hat man es hier mit Filmmusik zu tun?, fragt man sich nach der Pause. Dunkel-romantisch – und ausnahmsweise recht sicher im b-moll verwurzelt – erklingt das 16. Präludium. Auch die Fuge ist ruhig, nicht so atemlos wie manche andere. Mitunter offenbart sie sogar einen lyrisch-sanften Tonfall. Auf b-moll lässt Abramovich B-Dur folgen: Das 21. Präludium fasziniert durch eine flirrende Oberstimme; der Charakter ist hell, flott, geradezu heiter. Und auch die Fuge hält Freude, ja gar Ironie bereit. Hier finden Bach und Schostakowitsch zu wahrer Synthese zusammen. Im 15. Präludium wiederum ist von Bach wenig zu hören. Ist dieser grobe Walzer eine Art Jägerlied? Kaum eine Fuge des gesamten Zyklus, die ähnlich wie Nummer 15 so nervös, haltlos gestaltet ist. Alles wackelt, zwischen tiefer und hoher Lage findet kein Ausgleich statt.

Das 23. Präludium erzählt uns eine kleine Geschichte. Langsam, traurig entfaltet sich das Wiegenlied. Die Fuge entfaltet sich zunächst ebenso langsam, nach und nach entwickeln sich daraus dann zarte Läufe. Zum Abschluss ein kurzes Präludium/Fuge-Paar vom Anfang des Zyklus: Nummer zwei in a-moll ist eine kleine Fingerübung, die 16tel-Läufe des Präludiums erinnern an Bach. Die kurze knappe Fuge überrascht durch plötzliches Ausweichen in fremde Tonarten.

 

Dmitri Dmitriewitsch Schostakowitsch

*  25. September 1906 in St. Petersburg
 9. August 1975 in Moskau